Mal gemalt

Michaela von Aichberger twittert nicht nur unter dem Namen @Frauenfuss, sondern hat sich vorgenommen, alle ihre Follower zu zeichnen.

Jetzt hat es mich auch erwischt. Dafür bedanke ich mich an dieser Stelle noch einmal ganz herzlich.

Hamburger Realitäten

Irgendwo im Nirgendwo (Hamburg-Finkenwerder)

In Österreich gibt es den Beruf des Realitätenvermittlers. Man geht in seine Sprechstunde und möglichst schonend vermittelt er einem die Realität. Das ist zu schön, um wahr zu sein. Tatsächlich verkauft er einem nur marode Immobilien zu überhöhten Preisen. Die Ernüchterung bei einem genaueren Blick hinter die Fassade ist bei den von ihm vermittelten Immobilien oft genauso groß wie bei der Erkenntnis, dass es sich bei dieser wohlklingenden Berufsbezeichnung um nichts weiter als einen Haus- und Grundstücksmakler handelt.

Bei ganz genauer Betrachtung erkennt man, dass die Realität ein Auge hat. Dort kann man hineinschauen. Dann sieht man Dinge, die man eigentlich gar nicht sehen wollte: z. B. dass der geliebte Mac auch nur ein Computer ist, dass der geliebte Mensch auch nur eine Frau ist, dass der teure Wodka mit dem Grashalm auch nur ein Kartoffelschnaps ist – oder dass das geliebte Hamburg auch nur eine Stadt ist.

Fast mein halbes Leben habe ich nun hier verbracht. Hamburg ist auf den ersten Blick schön: Alster, Elbe, Hafen, Michel, Fernsehturm, Schanze, St. Pauli und noch viel mehr. Nur was soll ich da? Einmal genauer hinsehen, der Realität in ihr matschiges Auge.

Wenn der Tourist von der Alster spricht, dann meint er nicht den Fluss, sondern den aufgestauten See mit kleinen Segelbooten und Schwänen sowie rundherum prachtvolle Villen. Doch der Eindruck trügt. Im Grunde genommen, teilt die Alster die Stadt fast unüberwindbar in zwei Teile. Will man vom Westen in den Osten, so muss man sie mühsam umfahren. Das richtige Leben spielt auf der Westseite; will man ans andere Ufer, muss man Strecken zurücklegen, die einen, obwohl man sich in einer Kleinstadt befindet, an Berlin erinnern lassen. Wenn es heiß ist, dann beginnt das kaum in Bewegung befindliche Wasser in den Seitenarmen der Alster unangenehm zu stinken.

Die Elbe ist schon etwas besser, immerhin führt sie heraus aus Hamburg in die große weite Welt. Spricht der Zugereiste vom „an der Elbe treffen“, so meint er jedoch meist die Strandperle. Die Strandperle ist nichts weiter als ein heruntergekommener Kiosk in der Nähe des  Museumshafens Oevelgönne. Will man hier ein Bier erwerben, ist dies meist nicht nur lauwarm, sondern man muss auch, nachdem man nach Überwindung der langen Warteschlange schon fast dehydriert ist, so viel bezahlen wie woanders für eine ganze Brauerei. Dicht an dicht sitzen an sonnigen Tagen die Elbbesucher rund um die Strandperle herum und zwischen sich vergraben sie ihre noch glühende Grillkohle. Stets läuft man Gefahr, sich die Füße zu verbrennen. Will man die Gegend um die Strandperle herum sicher passieren, so empfiehlt es sich, auf die Menschen zu treten. Sie haben es nicht besser verdient.

Der Hafen, das Tor zur Welt. Industrieromantik bis zum Umfallen, jedenfalls vor der Wirtschaftskrise. Heute findet Handel kaum noch statt. Container samt -schiffe rosten unbenutzt vor sich hin, weil keiner mehr giftige Spielwaren oder leicht entflammbare Textilien aus China importieren will und sich niemand mehr auf der Welt Meisterwerke deutscher Ingenieurskunst leisten kann. Der Hafen dient nur noch als Kulisse für -rundfahrten. Eine Freundin aus dem Schwäbischen bezeichnete ihn ganz treffend als „große Baustelle auf dem Wasser“. Damals wurde zwar noch gebaut, aber ich schüttelte über diese Kategorisierung den Kopf. Heute weiß ich, dass sie Recht hatte.

Michel, Michel, wenn ich das schon höre. Busweise werden Touristen hierher gekarrt, um aus dem Fenster ihres Doppeldeckers einen Blick auf die Hauptkirche St. Michaelis zu erhaschen. Aber was gibt es schon zu sehen; ist das Gebäude doch zumeist mit Baugerüsten umhüllt, auf denen bevorzugt Betreiber von Atomkraftwerken für die Bewahrung der Schöpfung werben. Zwar kann man mit einem Personenaufzug den Turm erklimmen, allerdings ist es oben so vergittert, dass man keine Möglichkeit hat, sich auch herunterzustürzen. Bei Feierlichkeiten anlässlich von Staatsbegräbnissen allerdings macht die Kirche eine mehr als ordentliche Figur.

Telemichel, Telemichel, wenn ich das schon höre. Korrekt heißt der Hamburger Fernsehturm „Heinrich-Hertz-Turm“. Früher gab es dort oben ein Café, in dem man kännchenweise Kaffee trinken und dazu aufgeschäumte Tortenstücke bestellen konnte, während man dabei auf einer Plattform sitzend im Kreis gedreht wurde. Hier oben hatte man einen guten Ausblick auf die Stadt, aber das alles ist Geschichte. Der Turm ist längst nicht mehr für die Öffentlichkeit zugänglich und wird es wahrscheinlich auch nie wieder werden. Im Prinzip könnte man ihn auch abreißen, vermutlich rottet er aber von innen vor sich hin und wird irgendwann von ganz allein umfallen.

Die Schanze war mal so etwas wie ein alternativer Stadtteil. Heute ist sie selbstverständlich in jedem Touristenführer zu finden. Während man auf dem verbreiterten Bürgersteig portugiesischen Milchkaffee aus Gläsern trinkt (auch bekannt als Galão-Strich, offene Koffeinszene), genießt man den Blick auf das besetzte Kulturzentrum gegenüber. Dessen Besetzer zünden einmal im Jahr ein Sofa an und stellen es auf die Straße. Dann kommen mindestens vier Wasserwerfer, löschen den Brand und werden dafür mit Steinen beworfen; unter Zuhilfenahme der übriggebliebenen Steine werden die umliegenden Bankfilialen und Ladenketten entglast. Während alteingesessene Ladeninhaber die Mieten im Viertel nicht mehr bezahlen können, haben sich hier bereits ein Adidas-Laden und McDonald‘s erfolgreich niedergelassen. Bald kommen H&M und Starbucks. Der Stadtteil ist zu einem einzigen Konjunkturprogramm für das Glaserhandwerk und Gentrifizierungsforscher verkommen.

St. Pauli lebt von seinem längst verblasstem Mythos, eine sündige Meile zu sein. Seefahrer haben hier einst ihre Heuer versoffen und sich mit leichten Damen amüsiert. Im Zeitalter der Containerschiffe sind die Liegezeiten im Hafen allerdings so kurz geworden, dass die Seeleute keine Zeit mehr für einen St.-Pauli-Aufenthalt hatten. Mit Blick auf den eingebrochenen Welthandel hätten sie diese zwar wieder, aber wohl kein Geld mehr für millieutypische Vergnügungen. Heute darf man hier nicht einmal mehr Waffen und Glasflaschen bei sich tragen und an der Stelle, wo einst Astra gebraut wurde, findet sich ein zwanzigstöckiges Designhotel. Darüber hinaus wird man in weiten Teilen St. Paulis auf Schritt und Tritt von Videokameras überwacht, die sich bei Gewalttaten schon mehrfach mutig zwischen Angreifer und Opfer geworfen haben sollen. Wer kein Geld für einen Mallorcaflug hat, kann sich hier abends  Wochenende einer gepflegte Ballermannatmosphäre hingeben und tut dies auch.

Und sonst so? Clubsterben, Richter-Schill-Wähler und eine grüne Partei, die vor der Wahl Kohlekraftwerke bekämpft, um sie nach der Wahl zu genehmigen, sowie keine einzige lesbare Tageszeitung. Das einzige, was für die Stadt spricht, ist das wunderbar schlechte Wetter, aber auch das enttäuscht in diesen Tagen.

Ist das noch mein Hamburg, wie ich es lieben gelernt habe? In Hamburg hält mich im Moment nichts – aber nach Berlin zieht mich auch nichts.

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siehe auch: „Hamburg keine Perle“ von Tom Hillenbrand

Wohlers Park

Wohlers Park

Wohlers Park

Von 1831 bis 1977 befand sich in Altona zwischen der Norderreihe und Wohlers Allee der Friedhof Norderreihe. Danach wurde die Fläche ungewidmet und beheimatet seitdem einen der schönsten Parks der Stadt, den Wohlers Park. Noch heute finden sich zahlreiche, zum Teil verfallene Gräber und Mausoleen von vermutlich bekannten Hamburger Familien auf dem Gelände. Das lauschige Kleinod ist immer mehr zu einem beliebten Treffpunkt für Jung und Alt geworden: hier wird gegrillt, musiziert, Sport getrieben, einfach nur ein gutes Buch gelesen oder ein kühles Bier getrunken. Jedes Jahr spielen hier auch für ein paar Tage die „Elfen im Park“ wechselnde Theaterstücke unter freiem Himmel.

Eine meine ersten Erinnerungen an Hamburg stammt aus dem Wohlers Park, den ich zusammen mit meinen Eltern und meiner Lieblingstante, die damals in der Nähe wohnte, besuchte. Ich muss etwa vier Jahre alt gewesen sein und besaß einen kleinen Plastikrasenmäher, der, wenn man ihn bewegte, einen höllischen Krach verursachte, aber keinem Grashalm etwas zu Leide tat. Ich mähte damals leidenschaftlich Rasen. Es war eine Leidenschaft, die sich später nicht mehr aufrecht erhalten ließ. Bei einem meiner Besuche im Park entdeckte ich eine Gruppe Menschen, die komische Sachen machten: Tai-Chi-Chuan, chinesisches Schattenboxen. Selbst mein Geknatter konnte die meditativen Bewegungen der Schattenboxer nicht stören. Ich glaube, es beeindruckte mich schon damals, wie sehr die Sporttreibenden in sich ruhten.

In den darauffolgenden Jahren kam ich immer wieder an diesen Ort zurück, es ist ein besonderer Ort für mich, er hat etwas Verwunschenes. Ich habe dort viele Nachmittage gesessen und unter einem schattigen Baum Gitarre gespielt, Bücher gelesen und auch das eine oder andere Bier getrunken. Gar eine langjährige und glückliche Beziehung nahm im Wohlers Park für mich eine entscheidende Wende und hatte hier gewissermaßen ihren Ursprung. Damals erschien es mir, als hätte ich hier alle Möglichkeiten.

Heute war ich allein in der Grünanalage. Zwar waren viele Menschen um mich herum, darunter sogar ein Schattenboxer, aber ich war trotzdem ganz allein. Ich streifte durch den Park und betrachtete die alten Gräber. Ich kannte die Leute nicht, die hier ihre letzte Ruhe fanden. Lediglich der Name „Pickenpack“ fiel mir ins Auge, gab es doch vor vielen Jahren in der prägentrifizierten Schanze eine Kneipe gleichen Namens, die sich dafür rühmte, den längsten Tresen Europas zu beherbergen. Ob es Herrn Pickenpack wohl gefallen würde, dass heute direkt neben seinem Grab vegetarische Würste gegrillt und Badminton gespielt wird? Ich setzte mich auf eine Bank und schaute mich um: dem Anschein nach überall glückliche Menschen, aber kann man das wirklich wissen? Obwohl die Sonne lachte, erschien mir dieser Tag, als gingen drei Sonnen unter und ich hätte gerade den Jackpot meines Lebens verspielt.


Nachtrag: Wie ich aus verlässlicher Quelle erfahren, ist man mir als Baby bereits im Wohlers Park spazieren gegangen. Eigene Erinnerungen hieran habe ich allerdings nicht.

Soundtrack meines Lebens: Sympathy For The Devil

In den frühen 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts widmete ich mich musikalisch vornehmlich der klassischen Gitarre. Als allerdings die Gründung einer Schulband auf dem Plan stand, ließ ich mich von meinem damals besten Freund Christian hinreißen, dieses Projekt auf einer geliehenen E-Gitarre zu unterstützen.

Genau wie die Rolling Stones womöglich die beste Rockband der Welt sind bzw. waren, war unsere Schulband ohne Namen die vermutlich schlechteste Schulband der Welt (sowohl von denen mit Namen als auch unter denen ohne Namen). Dennoch geschah es, dass eines Tages während einer Probe der Schuldirektor in den Musikraum trat und irgendetwas von einer gerade stattfindenden Lehrerkonferenz sowie dem heutigen Geburtstag unserer Religionslehrerin nuschelte. Er bat uns, aufzuspielen.

Wir ließen uns nicht zweimal bitten und bauten unsere Anlage im Lehrerzimmer auf, um eine Demonstration unseres Dilettantismus zu geben. Artig gratulierten wir Frau N. und kündigten an, ihr zu Ehren ein Lied aus ihrer Jugendzeit zu Gehör zu bringen: „Sympathy for the Devil“.

Einige Unterkiefer in der Audienz klappten nach unten und der Applaus war eher verhalten – dabei gelang uns der Hintergrundchor „uh uh“ ziemlich gut. Nur unser Englischlehrer, der vermutlich für den Teufel größere Sympathien hegte als für die Religionslehrerin, hatte offensichtlich Freude an unserer Darbietung. Da man aufhören soll, wenn es am schönsten ist, löste sich die Schulband wenige Wochen danach auf. Positive Auswirkungen auf unsere Religionszensuren hatte dieser Auftritt leider nicht.


Dies ist ein Beitrag aus meiner Serie “Der Soundtrack meines Lebens”. Weitere Beiträge dazu folgen demnächst wahrscheinlich hier. Du möchtest auch ein Stück Musik vorstellen? Nur zu.