Spiegelstück

Mirror Piece, Marnix de Nijs

Ich blicke den Spiegel an, gleichzeitig blickt der Spiegel mich an. Ein Programm, wie es auch an Flughäfen verwendet wird, erkennt mein Gesicht und gleicht es mit einer Datenbank mit prominenten Doppelgängern ab. Bei diesen „handelt es sich um Figuren, die zwar kontrovers oder berüchtigt, für die Gegenwartskultur aber in jedem Fall prägend sind“, heißt es im Katalog zur Ausstellung.

Die Ergebnisse der Gesichtserkennung sind nicht reproduzierbar: Scheinbar willkürlich erkennt der Apparat bei mir eine physiognomische Ähnlichkeit mit dem verfettenden Elvis oder Kampusch-Entführer Wolfgang Priklopil. Manchmal ähnele ich auch einem mir unbekannten amerikanischen Massenmörder mit einem stark vom Durchschnitt abweichendem Sexualverhalten.

Marnix de Nijs „Mirror Piece“ ist eine unterhaltsame technische Spielerei, die erst durch ihre Herleitung zur Kunst wird. Die Herleitung ist ohnehin immer das Wichtigste.

Es gärt

Intelligent Bacteria – Sacchromyces cerevisiae, HONF (House of Natrual Fibre)

“Man muss die Welt nicht verstehen,
man muss sich nur darin zurechtfinden.”

(Albert Einstein)

Club Transmediale, Hebbel am Ufer: Ich befinde mich unerwartet in einer Veranstaltung, die in französischer Sprache abgehalten wird. Zwar verstehe ich nur einen Bruchteil, fühle mich aber gerade zu cool, um mir einen Kopfhörer zum Empfang der Simultanübersetzug zu holen. Und so sitze ich etwa eine Viertelstunde in der letzten Reihe des kleinen Theaters und lausche dem Klang der Stimmen. Plötzlich denke ich an eine Freundin aus längst vergangenen Tagen, deren Vater einst ein Ferienhaus in einer Nudistenkolonie in Südfrankreich besaß. Ich war nie dort, habe es mir aber immer ein bißchen wie in Houllebecqs Elementarteilchen vorgestellt – nur mit weniger Sex. Schnitt.

Später im Haus der Kulturen der Welt wird ein Film bejubelt: Ein gewöhnliches Mashup aus Filmschnipseln und -musiken, wie es auf YouTube tausendfach finden ist, aber zu Recht keine besondere Beachtung erfährt. Schnitt.

Ich wende mich den intelligenten Bakterien zu: einer akustisch-performativen Installation, die Kunst und Biotechnologie vereint. Dieses Projekt versteht sich als Reaktion auf die Häufung von Vergiftungen und Todesfällen in Indonesien, wo Alkohol gesetzlich verboten ist. Aufgrund dessen produziert die Bevölkerung unwissentlich giftiges Methanol. Unter Einsatz von DIY- und Open-Source-Technologien zeigt Intelligent Bacteria, wie man sicher und kostengünstig tropische Früchte zu Alkohol fermentieren kann.

Das Ploppen des Gärungsprozesses wird über Mikrofone abgenommen und in den Raum übertragen. Die Installation strahlt zwar eher den Charme eines Labors aus, aber immerhin kann hier niemand behaupten, dass Kunst sinnlos sei.

Happy End

Plakatwerbung, U-Bahnhof Französische Straße, Berlin

Und fühlst du dich geliebt, dann frag‘ nicht,
Und bist du mal betrübt, verzag nicht.
Denn immer wird’s so sein wie heut‘,
Auf Liebesleid folgt Liebesfreud‘.

(Fritz Kreisler, Liebesleid)

Schon wieder scheint das Konzept der romantischen Liebe gescheitert. Du überlegst, ob du ein letztes Mal 9,98 Euro investieren sollst – wahrlich kein allzu hoher Preis für ein Happy End. Aber wer will schon eine Barbiepuppe?

Staub

„Die Kunst ist das Höchste und
das Widerwärtigste gleichzeitig.“

(Thomas Bernhard, Alte Meister)

transmediale im Haus der Kulturen der Welt, Eröffnungsveranstaltung: Ein Kurzfilm wird gezeigt. Zuerst eine dunkle Leinwand, aus den Lautsprechern ertönt Gewummer. Dann Flimmern und Staub. Ein Insekt taumelt mehr als es fliegt. Regen, ein alter Mann schwebt horizontal durch das Bild. Wieder Staub, Kaulquappen, noch mehr Regen. Verstörung. Der Film scheint länger und länger zu werden, das Gewummer wird stärker und ich denke an des Kaisers neue Kleider. Das Ende.