The Crack

The Crack

There is a crack in everything,
that’s how the light gets in.

(Leonard Cohen)

Sylt

Westerland auf Sylt, 7. März 2012

„Die Wogen, ihr Grollen, die Wolken vor und über mir,
der Strand, die Dünen, das graue Gras, es war alles mein.“

(Emil Nolde, Sylt 1930)

Noch einmal die dicke Winterjacke anziehen und einige Stunden mit der ruckelnden Regionalbahn durch das flache Marschland fahren, schließlich über den elf Kilometer langen Damm die Insel erreichen.

Ein Jahr, sechs Monate und 23 Tage ist es her, dass ich zuletzt das Meer erblickte. Der Wetterbericht für heute hat Kälte, Sturm und Regen vorausgesagt und sich dieses Mal nicht geirrt. Das ist okay, weil die Sehnsucht nach dem Meer stärker war als der Gegenwind. Ich gehe spazieren und immer wieder bleibe ich stehen, um einfach nur minutenlang in die Weite zu schauen.

Ich will noch eine Postkarte schreiben, bevor ich die Insel wieder verlasse, aber es ist nicht leicht, ein Motiv ohne Sonnenuntergangskitsch, Strandkörbe oder Möwen zu finden. Die Spröde der Natur, die sich Jahr für Jahr ein Stück der Insel zurückerobert, findet vor den Objektiven der Postkartenindustrie nicht statt. Viel zu oft muss man sich für das kleinste Übel entscheiden, weil sonst die Worte ungeschrieben blieben. Ich werfe die Karte in den Briefkasten und einen Augenblick später wünschte ich, ich könnte sie wieder aus ihm herausholen. Aber dafür ist es zu spät.

Bevor mein Zug fährt, gehe ich noch einmal zurück an den Strand: die See, die Wellen, die Gischt, die Fragen. Aber naturgemäß keine Antworten.

Das Kalkwerk

Es wäre natürlich nichts leichter, soll Konrad gesagt haben,
als einfach wirklich wahnsinnig zu werden, aber die Studie
ist mir wichtiger als der Wahnsinn.

(Thomas Bernhard, Das Kalkwerk)

Die ersten Sonnenstrahlen, trotz Kälte. Ich gehe spazieren. Kochs Kuhle, früher wurde hier Kalkstein gefördert. Als ich Kind war, dienten die Baggerseen zum Baden. Gelegentlich ist jemand ertrunken. Als ich Jugendlicher war, diente das Gelände als Ort zum Genuss von Bier. Meistens war jemand betrunken.

Eigentlich ist es ganz schön hier, denke ich und mache beiläufig Fotos. Ich genieße die Stille und denke an Thomas Bernhards Das Kalkwerk. In dem Roman arbeitet der in einem abgeschiedenen Kalkwerk lebende Protagonist, Konrad, an einer Studie über das Gehör. Irgendwann glaubt er, alles im Kopf zu haben und es einfach nur noch herunterschreiben zu müssen. Jedoch halten ihn stets widrige Umstände davon ab. Will Konrad zur Niederschrift ansetzen, klopft es an die Tür etc.

Ich versuche den Gedanken an Bernhards Kalkwerk abzuschütteln, weil es naturgemäß kein gutes Ende nahm, und konzentriere mich darauf, tief ein- und auszuatmen. Durch die Nase, genau so wie sie, die immerzu Yoga machte, wenn sie nicht gerade Thomas Bernhard las, es mir einst riet. Zuhause angekommen hoffe ich, dass das Klopfen an meiner Tür verstummt, um mich endlich den Dingen zuzuwenden, die mich schon lange beschäftigen.

Lokaljournalismus

Man sagt ja gern, dass die Zukunft des Journalismus im Lokalen liege. Diese Meinung stammt vermutlich von Medienbeobachtern aus Berlin oder Hamburg, die es plagt, dass in ihren sogenannten Medienstädten keine renommierte überregionale Tageszeitung erscheint. Wer allerdings einmal einen Blick in ein Provinzblatt wie der Norddeutschen Rundschau geworfen hat, der wünschte sich nichts sehnlicher als dessen verdienten Untergang und zöge fortan ein paar lieblos umformulierte Agenturmeldungen auf den großen Nachrichtenseiten im Internet vor. Der Untergang ist nicht mehr aufzuhalten, niemand wird die fehlende Berichterstattung über versuchte Eierdiebstähle vermissen.

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