Wohne Orte #11
- Beitragsautor Von bosch
- Veröffentlichungsdatum 5. November 2010
- 7 Kommentare zu Wohne Orte #11
- Schlagwörter Wohne Orte, Wohnzimmer
Der Trend zur Handarbeit scheint ungebrochen: Nach Stricken und Nähen wird nun gestickt. Aber nicht nur Handarbeit ist wieder schwer im Kommen, sondern auch gutes Benehmen ist wieder gefragt. Eine Denkabteilung der Telekom hat sich gemeinsam mit anderen klugen Köpfen Gedanken über das Miteinander in der digitalen Welt gemacht. Herausgekommen sind dabei 101 Leitlinien in Kreuzstichanmutung.
Während im richtigen Leben der Allgemeine Deutsche Tanzlehrerverband (ADTV) die Hoheit über geltende Benimmregeln hat, lud gestern der Magentariese zum Höflichkeit-2.0-Dinner ins Restaurant Dos Pallilios des Hotels Casa Camper in Berlin, um mit Journalisten und Bloggern über die Ergebnisse des Nachdenkens zu diskutieren.
Es war natürlich sehr heiß, wie immer in diesen Tagen, und das erste Etiketteproblem ergab sich bereits bei der korrekten Form der Entledigung der uns zur Kühlung gereichten, in kaltem Wasser getränkten Waschlappen.
Vor uns papierene Tischdecken, bedruckt mit Teller, Messer, Gabel, Glas, Serviette etc. Daneben Aufkleber mit den Logos der gängigen Sozialen Netzwerke: Twitter, Facebook, XING etc. In etwas komplizierten Worten wurden wir aufgefordert, Analogien aus dem Alltag zu bilden: Ist Facebook meine Gabel? Ist Twitter mein Teller? Manch einer wird sich nach dieser Eröffnung zurecht gefragt haben: Häh? Sollte es doch bei diesem Abend darum gehen, ob man Kontaktanfragen auf Facebook einfach ablehnen darf, oder wie lange man in einem Café das kostenlose WLAN nutzen darf, ohne etwas zu bestellen.
Es folgten 18 Gänge asiatischer Speisen, darunter so Abenteuerliches wie Kimchi mit Qualle oder Schweinekinn kantonesischer Art. Die meisten Speisen waren ein Genuss, die anderen zumindest interessant, dazwischen immer wieder ein paar kurze Ansprachen, u. a. von einer Dame der Knigge-Gesellschaft, von der mir inhaltlich nicht viel in Erinnerung geblieben ist. Trotz gepflegter Konversationen mit den Tischnachbarn über das Für und Wider der aufgestellten Benimmregeln, blieb die große Diskussion aus.
Während über die meisten der vorgestellten Regeln sicherlich ein breiter Konsens herrscht (zeitnah auf E-Mails antworten, beim ersten Kontakt die korrekte Anrede und Grußformel verwenden usw.), und auch einige Regeln das Werk künstlich aufblasen (im Büro auf die Lautstärke des Tippgeräusches achten), gibt es unter den 101 Regeln aber auch zahlreiche Punkte, über die man hätte diskutieren können, z. B.:
Insgesamt ist mir aufgefallen, dass viele der aufgestellten Regeln eher negativ formuliert sind und auf das Unterlassen abzielen (Taggen von Fotos, Verwendung von Wikipedia), anstatt im Netz zur aktiven Gestaltung aufzufordern. Auch sind viele – an sich berechtigte Punkte – missverständlich formuliert (z. B. Nr. 11, Nr. 33, Nr. 34). 101 Regeln sind meiner Meinung nach auch zu viele, das Regelwerk hätte durchaus etwas kompakter auffallen sollen.
Selbstverständlich kann man sich darüber streiten, ob es überhaupt sinnvoll ist, Regeln für den digitalen Umgang miteinander niederzuschreiben. Während Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU), die einer Koalition angehört, deren Mitglieder einander wahlweise als „Wildsau“ oder „Gurkentruppe“ bezeichnen, unbedingt der Meinung ist, dass wir einen „Knigge für das Internet brauchen“, steht Markus Beckedahl auf netzpolitik.org diesem Ansinnen skeptisch gegenüber. Aigner, die bereits in der Vergangenheit mehrfach durch ihre etwas naive Sicht auf das Internet aufgefallen ist, sagte im verlinkten Interview mit welt.de: „Solche Regeln können nur aus der Internetcommunity kommen. Es wäre schön, wenn die Nutzer selbst Vorschläge machen würden.“
Nur, wer ist eigentlich „die Internetcommunity“? Auf der einen Seite steht althergebrachtes Datenschutzdenken (stelle kein Bild von Dir mit einem Bierglas in der Hand in ein soziales Netzwerk ein, ein Personalchef könnte Dich deshalb als Bewerber ablehnen) einer deutlich offeneren Sichtweise gegenüber (in einem Unternehmen, das mir hinterherschnüffelt und es mir übelnimmt, weil ich vor fünf Jahren mal ein Bier getrunken habe, möchte ich nicht tätig sein). Darüber hinaus ist fraglich, ob Verhaltensregeln überhaupt explizit formuliert werden müssen oder ob es nicht ausreichend ist, sich dem Anlass und Umfeld möglichst entsprechend zu verhalten. Sobald sich eine Institution oder ein privates Unternehmen aufmacht, Regeln zu formulieren, stellt sich selbstverständlich die Frage nach deren Legitimation.
Dennoch halte ich eEtiquette für eine begrüßenswerte Initative. Der Dialog ist eröffnet – sowohl auf Facebook als auch in den Kommentaren. Sicherlich gibt es an der Website noch einige Verbesserungsmöglichkeiten (u. a. Anzeige der zuletzt kommentierten Beiträge, Zulassung von Links in den Kommentaren, komfortableres Navigieren zwischen den Regeln inkl. Anzeiger der dazugehörigen Diskussion) und etwas bedauerlich ist, dass die Leitlinien bereits auf Papier gedruckt sind, bevor sie überhaupt von einer breiteren Öffentlichkeit diskutiert wurden. Aber es besteht noch immer Hoffnung, dass eine Diskussion stattfindet und deren Erkenntnisse in eine mögliche 2. Auflage einfließen. Was dem besseren Umgang miteinander dienen kann, schadet sicher nicht.
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Links:
Zeitlebens pflegte mein Großvater väterlicherseits eine Vorliebe für abseitige Automobilfabrikate. So hangelte er sich von einem Lada über die Marken Datsun, Nissan bis hin zu einem Kia Hyundai vor. Stets handelte es sich um Limousinen kleinerer Bauart, welche bei Mitfahrern größerer Bauart nicht selten zu verrenkungsbedingten Gelenkschmerzen führten.
Größeren Wert legte Opa hingegen auf auf die Bequemlichkeit des Parkplatzes. Dieser sollte sich nach Möglichkeit stets nahe am Ziel der Fahrt – im Optimalfall direkt vor dem Hauseingang – befinden, was gerade in dichtbesiedelten Großstädten zu Problemen führte. Meine Tante wohnte in Hamburg-Altona in der vierten Etage einer Jugendstil-Altbau-Wohnung. Hier gab es nicht nur keinen Personenaufzug, sondern natürlich in der näheren Umgebung auch nur ein sehr begrenztes Angebot an Parkraum.
Um dem Ziel des Wunschparkplatzes nahezukommen, hielt mein Großvater mit Adleraugen von oben stets Ausschau nach einer Optimierungsmöglichkeit. Der erfolgreiche Tausch eines weiter entfernten Parkplatzes gegen einen näher am Eingang liegenden stellte für ihn eine der größten Freuden dar. Dass er dafür mehr als 100 Treppenstufen herunter und wieder hinauf gehen musste, trübte diese Freude selbt im hohen Alter nicht.
Unter einer Koinzidenz versteht man ein zeitliches, manchmal auch räumliches Zusammentreffen von Ereignissen. In glücklicherweise nur sehr seltenen Fällen kam es vor, dass mein Großvater den weiten Weg auf sich nahm, um das Kraftfahrzeug auf den von ihm erspähten nähergelegenen Stellplatz umzuparken, und eben dieser kurz vor dem Erreichen seines Ziels bereits von einem anderen Verkehrsteilnehmer okkupiert wurde. Dieses unschöne Szenario konnte zwei Ausprägungen haben: in der gemäßigten Variante konnte mein Ahnherr auf seinen ursprünglichen Parkplatz zurückkehren. Der Optimierungsgesuch war gescheitert, die 200 Treppenstufen waren vergebens. In einem ungünstigeren Verlauf hingegen, wurde auch der ursprüngliche Parkplatz zwischenzeitlich von einem anderen Wagen belegt. Dies führte dazu, dass der neue Parkplatz weiter entfernt war als der ursprüngliche. Dies trübte im Verlauf des Tages die gute Laune des alten Herren; besonders an regnerischen Tagen.
Ich bin froh, dass nicht alle Macken erblich sind – selbst bei eher liebenswerten.