Am 11. September in den Konferenzraum gerufen worden und live im TV gesehen, wie das zweite Flugzeug in das Hochhaus flog etc. In den Wochen danach diese Bilder immer und immer wieder gesehen und nicht gewusst, wie sich die Welt danach verändern würde.
Zehn Jahre später der beklemmende Gedanke, dass die Terroristen ihr Ziel erreicht haben, während die Vermieterin des Attentäters im Fernsehen Anekdoten im Duktus der Klofrau der Beatles erzählt.
Jetzt ist schon wieder etwas passiert. In den Redaktionen werden umgehend Agenturmeldungen mit gefühlten Beobachtungen angereichert, Medien verlieren sich in Mutmaßungen. Binnen Stunden werden die ersten Experten interviewt und im Internet soziale Netzwerke nach Tätern und Motiven durchforstet. Aber im Grunde wissen wir gar nichts.
Und bereits in wenigen Monaten wird auch dieses Unglück wieder vergessen sein. Die nächste, dann noch neuere Katastrophenmeldung folgt garantiert. Alles macht weiter.
Ein Tag im Mai: Bäumchen wechsle dich. Auf den Fluren des Ministeriums herrscht geschäftiges Treiben, Namensschilder an den Bürotüren der oberen Etagen werden ausgetauscht. Wieder einmal erhält ein neuer Minister zur Begrüßung einen Blumenstrauß. Fotografen der großen Agenturen halten den Amtsantritt möglichst vorteilhaft im Bilde fest, danach geht alles wieder seinen gewohnten Gang. Der Apparat funktioniert.
Die wahren Insignien der Macht sind preiswert – sie kosten nur ein paar Cent das Stück. Auf dem Schreibtisch des neuen Ministers liegt ein Dutzend billiger grüner Kugelschreiber bereit. Der Herr des Hauses verleiht seinen Anmerkungen in umlaufenden Akten mit dieser Farbe besonderes Gewicht.
Ich besitze übrigens auch einen grünen Kugelschreiber. Nicht, dass mein geschriebenes Wort in einer kafkaesken Bürokratie etwas gälte; vielmehr ist er ein Andenken an einen angenehmen Abend: Mit diesem Stift hat nämlich einst Max Goldt ein Buch signiert (und auch umgekehrt habe ich – genau so betrunken wie er, aber etwas übermütiger – mit diesem Max Goldt ein Buch signiert.) In besonders schweren Fällen von Schreibblockade erhoffe ich mir, dass ein Fünkchen Inspiration des Meisters durch die Weihung des Kugelschreibers auf mich überspringen möge. Bislang blieb mein Warten jedoch vergebens.
1. Mai 2011, Berlin-Kreuzberg. Erneut stellt sich die Frage: Was hat die Arbeiterbewegung uns je gebracht? Also, einmal abgesehen von überfüllten Straßenfesten mit wummernder Krachmusik, schalem Bier aus Plastikbechern zu überhöhten Preisen sowie minderwertigen Fleischprodukten in pappigen Brötchen und ein paar entglasten Bankfilialen?