Real

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Im Supermarkt. Die Frau hat strähnige Haare und einen verbesserungsbedürftigen Zahnstatus. Sie schaut mich an, ich schaue sie an. Blitzschnell dreht sie sich um und während sie mir ihren Rücken zudreht, erkenne ich, wie sie eine große Flasche Jack Daniel’s in ihrer abgewetzten Lederjacke verschwinden lässt. Interessehalber folge ich ihr noch eine Weile durch das Labyrinth der Warenregale, dann schüttelt sie mich routiniert ab. Ich gehe nicht über los, ziehe keine 50 Euro für die Ergreifung eines Ladendiebes ein. Shoplifters of the world unite and take over.

Warenwelten #10: Zugaben

Viele Jahre war die größte Attraktion des Kleinstadt-Supermarktes eine Tafel, auf der Fotos aller Mitarbeiter gezeigt wurden. Genauer gesagt, war die Attraktion der „Abteilungsleiter Hartwaren“, an dem mich stets nicht nur der famose Titel erfreute, sondern auch die Tatsache, dass er der einzige Mann seiner Generation war, der außerhalb von Berlin-Mitte einen Schnauzbart trug – und er tat dies freilich ganz ohne Ironie.

Neuerdings stößt man beim Betreten der Geschäftsräume auf einen Störer der ganz anderen Art. Ein kluger Kopf der Abteilung Verkaufsförderung entsann sich des gefallenen Zugabe- und Rabattgesetzes und versucht, fortan zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Künftig wird dem Appell der Verbraucherschutzministerin Folge geleistet, weniger Lebensmittel der Entsorgung zuzuführen, und gleichzeitig wird der Absatz minderwertiger Backwaren in unermessliche Höhen getrieben. Und so kam, was kommen musste – wer statt des einen benötigten Brotes gleich ein zweites, naturgemäß nicht benötigtes Brot, erwirbt, wird mit fertiggebackenen Teigrohlingen quasi zugeschissen. Gratis versteht sich.

Man denkt sich „Oh, ein Schnäppchen“, nimmt reflexhaft gleich zwei Brote mit, erfreut sich an Umsonstrundstücken, und merkt gar nicht, dass der Supermarkt die Entsorgung der Überkapazitäten einfach nur an den Verbraucher outgesourced hat. Und dann steht man zu Hause da, mit den bereits nach einigen Stunden vollkommen vertrockneten Laiben und überlegt, ob man morgen den Tag damit verbringen will, Paniermehl zu reiben oder im Park die Enten zu füttern. Hat man beide Möglichkeiten verworfen, nutzt man das zu viel erworbene Brot und die Brötchen als Füllmaterial für die Biotonne.

Der Abteilungsleiter Verkaufsförderung klopf sich derweil selbst auf die Schulter und entscheidet, künftig alle Warengruppen als sinnvolle „Bundles“ anzubieten: Wer zwei Flaschen Wodka kauft, bekommt drei Beutel Hagebuttentee, und wer zwei Kilo Mett kauft, bekommt drei Tofu-Frikadellen kostenlos dazu. Alle sind von nun an noch glücklichere Konsumenten. Nur ich bin etwas traurig, weil ich ich beim Herausgehen entdecke, dass der Abteilungsleiter Hartwaren seinen schönen Schnauzer abgelegt hat. – Der war eigentlich das Beste an diesem Supermarkt.

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Warenwelten #9: Touristenbedarf

Touristenbedarf

Verkäufer: „Guten Tag, womit kann ich Ihnen helfen?“
Kunde: „Ich habe den Wunsch, einem tatsächlichen Mangel Abhilfe zu schaffen.“
Verkäufer: „Worin genau besteht denn Ihr Mangel?“
Kunde: „Souvenirs, Food, Sweets & more …“
Verkäufer: „Steht hinter Ihrem Bedürfnis auch die nötige Kaufkraft?“
Kunde: „Ja.“

… für alle, die sich schon immer die Frage stellten, wie man im  Fachhandel für Tourismusbedarf miteinander ins Geschäft kommt.

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Leergutflirt

Durch einen unbekannten Supermarkt irrend nach der Leergutannahme zu suchen, bietet fruchtbaren Nährboden für eine Flirtsituation. Unsere Blicke treffen einander und verraten gemeinsame Ratlosigkeit, da weit und breit kein defekter oder lediglich rudimentär funktionierender Automat zur Entgegennahme unserer Pfandflaschen zu erkennen ist. Das verbindet ungemein.

Nach einer gefühlten halben Ewigkeit des Umherirrens zwischen den Flaschenregalen entdecke ich die Leergutannahme und weise der Dame fast heldenhaft die Richtung. Beiderseits hocherfreut halten wir auf dem Weg ein kurzes Pläuschchen: „Ist aber auch wirklich zu schwierig zu finden hier.“ – „Ja, alles total unübersichtlich.“ etc.

Nicht ohne einander noch einmal zuzulächeln werden wir schließlich Flasche für Flasche unser Pfandgut los. Die Annäherung wird jedoch jäh beendet, als ich aus meinem Baumwollbeutel – für uns beide gleichermaßen unerwartet –  eine halbvolle Flasche billigen Fusels ziehe, den mir jemand untergeschoben haben muss. Noch irritierter als ich schaue, blickt mich die Dame an. „Ich kenne diese Flasche überhaupt nicht“, sage ich zum hastigen Abschied. Schließlich bin ich zu dieser Spirituose gekommen wie der trockene Alkoholiker zur Fahne. Da mir die Situation dennoch unangenehm erscheint, achte ich später darauf, nicht gemeinsam mit der Dame an derselben Kasse anzustehen.

Das ist alles ist nicht weiter schlimm, denn schließlich funktionieren Supermarktflirts ohnehin nur in schlechten Fernsehwerbungen – und ich kann mir nun mit der halben Flasche einen vergnüglichen Abend bereiten. Falls mir noch jemand einfällt, der eine Vorliebe für billigen Schnaps hat, werde ich ihn dazu einladen.