Busqual

Bahnfahren ist teuer geworden. Eine Fahrkarte für die Strecke Hamburg-Berlin kostet – zumindest für Spontanreisende –  mittlerweile so viel wie die Kerosinfüllung eines Jumbojets. Daher habe ich mich kürzlich dazu entschlossen, aus Budgetgründen den Linienbus vorzuziehen. Immerzu ist die Rede davon, dass Reisen bildet. Dass Reisen auch quälen kann, sagt einem niemand.

Der Fahrer begrüßt die Reisenden mit nuscheligem Ostblockakzent. Dann die erste Kurve, es schaukelt. Keine Stewardessen weisen einem den Weg zum Notausgang, das Fahrwerk ist butterweich. Bei jeder Lenkbewegung droht der Doppeldecker umzukippen. Ich warte darauf, dass Sauerstoffmasken aus der Decke fallen, aber nichts passiert. Wann der Bus wohl zuletzt gewartet wurde? Den Nothammer an meinem Platz hat auch irgendjemand geklaut. Dabei hätte ich ihn so dringend benötigt.

Vor mir beginnt ein sehr dicker Mann zu schnarchen. Er ist so dick, dass in seiner Nackenfalte leicht zwei Eichhörnchen Platz hätten. Er legt sich quer über zwei Sitze und beginnt mit seinem Sägewerksimitationstraining und gerät dabei mächtig ins Schwitzen. Er sägt und stinkt und sägt und stinkt und sägt und stinkt. Ich sehe mich um: alle Mitreisenden haben offensichtlich einen Koffer in Berlin – vermutlich ihren einzigen, denn die meisten hier tragen als einziges Gepäckstück eine Plastiktüte bei sich.

Hinter mir sitzt eine bislang unentdeckte Art des siamesischen Zwillings: Zwei Teenagermädchen, die durch einen gemeinsamen weißen Musikspielerkopfhörer unzertrennlich miteinander verbunden sind. Das andere Ohr ist jeweils frei, um sich mit der Zwillingsschwester lautstark – schließlich muss das Kopfhörergeräusch kompensiert werden – über den neuesten Jungsgruppenkram, Urlaubspläne und Techtelmechtel zu unterhalten.

Neben mir packt eine dicke Frau, die noch so dick werden will wie der Mann vor mir, ein Wurstbrot aus: natürlich Leberwurst. Das Brot stinkt auch, die Frau schmatzt. Sie bietet mir ein Wurstbrot an, ich lehne dankend ab.

Mir wird schlecht. Ich schreie: „Ich bin Busreisender – holt mich hier raus!“ Nach dreieinhalb Stunden ist der Albtraum vorbei, die vermeintlich billige Bustour habe ich teuer bezahlt. Das nächste Mal fahre ich wieder mit der Bahn.

19 Antworten auf „Busqual“

  1. @eldersign: Stimmt so ja nicht immer.

    Und: So eine Erfahrung ist doch wahres Gold wert. Ein wunderschönes Foto haben Sie da gemacht! Wo kann man sowas schon sehen?

    Wie war die Rückreise?

  2. Bei „busqual“ musste ich zuerst an eine neue Darreichungsform für Medikamente denken. Ansonsten kenne ich das Beschriebene auch eher vom Bahnfahren. Habe da im Blog mal eine eigene Rubrik zu gemacht.

  3. busreisen sind eine ziemlich unangenehme sache. die beinfreiheit ist noch geringer als in zügen (von zurückgeklappten lehnen ganz zu schweigen) und im gegensatz zu bussen besteht in zügen die theoretische möglichkeit bei überhand nehmender geruchsbelästigung ein anderes abteil aufzusuchen.

    mein mitleid ob dieser tour ist dir sicher :)

  4. Sie haben wirklich ein seltenes Glück.. bei mir kommen Erinnerungen hoch an die Schilderung Ihres Rügen-Aufenthaltes.
    Oder haben Sie sich unter die Anthropologen begeben? „The original inhabitants of Western Europe in the 21st century“? An einer Lektüre Ihrer Dissertation wäre ich sehr interessiert!

  5. wenn du früh am morgen fährst hast du platz noch und nöcher.
    nur am mittag oder gar am abend kann dir jenes passieren.
    auf der rückfahrt von berlin habe ich sehr großes glück gehabt und mich sehr gut mit meiner sitznachbarin unterhalten können. ich fahre wieder mit dem bus bis mir das gleich passiert wie dir, dann werde ich auch die bahn nehmen.

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