Radkappenschändung

Radkappe oder Aluminiumfelge?

Soeben habe ich eine Frau beim Einparken beobachtet, die mit ihrem Fahrzeug in einem ungünstigen Winkel und mit zu hoher Geschwindigkeit in eine Parklücke stieß, so dass mir dabei das vertraute Geräusch zerberstender Radkappen zu Ohren kam. Es hätte natürlich genauso gut ein Mann sein können, der sich des fehlerhaften Einparkens schuldig machte; das wäre gar keine Schande gewesen, schließlich sind Parkräume in Großstädten rar und die für das Abstellen eines Personenkraftwagens vorgesehenen Lücken sehr eng. Es war aber nun einmal eine Frau.

Kurz nachdem ich, vermutlich gegen den Willen meines Fahrlehrers, der sicher gern noch einige gut bezahlte Übungsstunden mit mir verbracht hätte, die Fahrerlaubnis für das Führen eines Kraftfahrzeuges erlangte, ging in unserer Famile ein Fluch um. Etwa einmal wöchentlich war eine der aus Kunststoff gefertigten Radkappen des gemeinschaftlich genutzten Familien-PKWs in Folge eines unsachgmäßen Einparkvorganges beschädigt. Mein Vater verdächtigte mich, ich verdächtigte meine Mutter, meine Mutter verdächtigte meinen Vater der Radkappenschändung.

Der Kreislauf des gegenseitigen Misstrauens wurde erst durchbrochen, als mein Vater vor den Augen der gesamten übrigen Familie beim Einfädeln in eine Parkbucht einen Bordstein so touchierte, dass das mir heute wieder in Erninnerung gerufene Berstgeräusch erstmalig zu Ohren kam. Zum Leidwesen der KfZ-Zubehörindustrie, die damals gute Geschäfte mit der Ersatzlieferung von Kunststoffradkappen machte, stieg man in Folge dieses Ereignisses stillschweigend auf unzerstörbare Aluminiumfelgen widerstandsfähigeres Felgenmaterial um. Wahlweise hätten wir natürlich auch eine Einparkhilfe besorgen können, aber so sieht das Auto nun auch noch besser aus.

Versuch eines medienkritischen Gedichts

Potter, Simpsons, Dalai Lama
sind die Helden dieser Tage,
Vattenfall und Fahrradfahra*
brachten jüngst das Volk in Rage.

Doch nur ein paar Wochen später,
sind es wieder Volksvertreter,
Sex-Skandale, schwarze Kassen,
die uns nicht in Ruhe lassen.

Neue Helden müssen her:
das Sommerloch droht bald.
Wie wär’s mit einem neuen Bär?
Sein Schicksal ließe niemand kalt.

Ob nun ein Bruno oder Knut
– der Auflage tut’s gut.
Der Bär als Sau durch’s Dorf getrieben,
die Zeitungsmacher werden’s lieben.

* Anmerkung des Dichters: Die Fahrradfahrer haben sich so blödgedopt, dass ihnen sämtliche für Orthographie zuständige Gehirnzellen abgestorben sind. Das ist in diesem Fall nicht weiter tragisch, so reimt sich das Gedicht wenigstens.

Tischlein deck dich

Tischlein deck dich

Hamburg ist rot-orange. Überall, wohin man sieht: Jutebeutel und wallende Gewänder. Selbst mein beschauliches Wohnviertel haben sie bereits erreicht, stelle ich fest, während ich in meinem Stammcafé im Cappuccino herumrühre. Kahlköpfige Mönche posieren bereitwillig lächelnd zum Gruppenphoto und Tausende meditierende Hausfrauen aus der schwäbischen Provinz pilgern in das Tennisstadion, um vom Ozean der Weisheit zu erfahren, wie sie den Kreislauf des Leidens durchbrechen können. Beschwingt von so viel Erkenntnis erkunden sie anschließend die touristischen Attraktionen der Hansestadt. Im Wind wehen dabei unentwegt die ihnen um die Hälse hängenden Plastikschilder, als wären diese nicht bloß die Zugangsberechtigung zum Tennisplatz, sondern auch gleich die Eintrittskarte ins Nirvana.

Niemand in der Stadt aber scheint sich der in der Luft liegenden positiven Stimmung entsagen zu können. Auch mich lässt der Besuch seiner Heiligkeit, des 14. Dalai Lamas, nicht kalt. Mitgefühl empfinde ich in diesem Moment vor allem für die neben mir sitzende alleinerziehende Mutter des hyperaktiven Kleinkindes, das seit einer gefühlten halben Stunde sämtliche in greifbarer Nähe befindlichen Speisekarten, Aschenbecher sowie Salz- und Zuckerstreuer auf meinem Tisch platziert, indem er auf diesen größtmögliche Kraft ausübt. Salz- und Zuckerstreuer drohen zu zerbersten. Ich bleibe gelassen übe mich in Gelassenheit – auch ohne Meditation. Die arme Mutter muss dieses anstrengende Balg den ganzen Tag ertragen. Mitgefühl empfinde ich aber auch mit dem Jungen. Völlig unerwartet ruft die Mutter den Jungen nach einer gefühlten Stunde zur Ordnung. Er heißt Herbert. Mein Mitgefühl für die Mutter entweicht langsam, denn ich habe gelernt: kein Handeln bleibt ohne Folge [siehe auch Karma], das gilt natürlich auch für die Namensgebung des Nachwuchses.

Ein Fall für zwei

Vorspann: Dum-di-dum, Dum-di-dum-di-dum, Dum-di-dum-di-dum, Dum-di-dum, Da-da-da-da-da-dap-da-da-da … (Kameraschwenk auf die Skyline von Frankfurt am Main.)

Prolog: Die Rechtsanwälte kommen und gehen, aber Privatdetektiv Josef Matula (gespielt von Claus Theo Gärtner) trägt immer noch seine alte Wildlederjacke.

Hauptteil: Zuerst wird immer jemand erschossen, ein Tatverdächtiger ist aber zum Glück sofort zur Hand und wird umgehend von der Polizei festgenommen. Ein Angehöriger des Tatverdächtigen wartet bereits bei Sekretärin Helga und trinkt Kaffee, als der Strafverteidiger seine Kanzlei betritt. Der Angehörige bittet den Rechtsanwalt, die Verteidigung zu übernehmen, der Rechtsanwalt zögert zunächst und muss sich das noch einmal genau überlegen. [Variation: Rechtsanwalt kennt den Tatverdächtigen bereits seit vielen Jahren, in diesen Fällen besteht kein Zweifel, dass er die Verteidigung übernimmt.] Matula kommt zufällig vorbei, er ist wieder knapp bei Kasse und benötigt dringend einen neuen Auftrag. Schließlich trägt er bereits seit über zwanzig Jahren dieselbe Wildlederjacke und will sich endlich mal eine neue kaufen, außerdem muss er wieder seine Miete bezahlen. Der Rechtsanwalt zeigt Matula eine Zeitung mit großen Buchstaben, in der bereits ausführlich über die Tat berichtet wird. Matula grinst debil und bestellt in Gedanken schon die neue Lederjacke.

Der Rechtsanwalt trifft den Tatverdächtigen in dessen Zelle und entscheidet nach gründlicher Abwägung aller Fakten, das Mandat zu übernehmen.

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