Statt Ankündigungen von Kulturschaffenden auf bewährtem Rundbeton räkeln sich künftig an den bevorzugteren Standorten der Stadt Unterwäschemodelle auf großflächigen, hintergrundbeleuchteten Plakaten, die an „Stadtmöbeln“ mit dem Namen „City-Light-Säule“ befestigt werden. Säulen nach Athen tragen.
Konzertveranstalter, Theatermacher und Gaukler indes dürfen für ihre Veranstaltungen dann auf sogenannten „Kultursäulen“ in zwielichtigeren Ecken der Stadt werben. Perlen vor die Säulen.
Vor mir an der Kasse steht eine junge Frau, die zwei Schachteln Zigaretten der Hausmarke erwerben möchte. Ihr jugendliches Antlitz veranlasst die Kassiererin nach dem Personalausweis der Kundin zu Fragen, um deren Volljährigkeit zu verifizieren. Freudestrahlend zückt die Kundin ihr Ausweispapier, nicht ohne wort- und gestenreich zu bekunden, dass sie dies gewohnt sei, schließlich sehe sie für ihr Alter ja noch sehr jugendlich aus und das sei ja besser als umgekehrt, auch wenn es als Zwölfjährige ein Vorteil sei, in Kinofilme für Sechzehnjährige zu kommen, aber mit zunehmendem Alter sei es ja irgendwie doch besser, jünger auszusehen als man tatsächlich ist und so weiter. Auch nach Beendigung des Kassiervorganges konnte sich die Zigarettenraucherin vor lauter Begeisterung ob ihres geschmeidigen Äußeren nicht vom Kassenbereich lösen. Um die Angelegenheit etwas zu beschleunigen, verwies ich darauf, dass sie nur ihren Zigarettenkonsum intensivieren müsse, dann werde sich das „Ausweisproblem“ sicher bald von selbst erledigen. Zügig packte sie ihre Schachteln mit der warnenden Aufschrift „Rauchen lässt ihre Haut altern.“ ein und zog wortlos von dannen.
2. Im Bagelladen
Ich: „Guten Tag, ich hätte gern ein halbes Dutzend Bagels.“
Verkäuferin: „Nehmen Sie doch sechs Stück, dann bekommen Sie einen gratis.“
3. Vor der Apotheke
In Hamburg gibt es 447 Apotheken, statistisch gesehen also an jeder zweiten bis dritten Ecke. Heute führte mich mein Weg gleich zwei Mal an einer Pharmazie in der Rothenbaumchaussee vorbei. Warum sich gerade hier eine an die östliche Seite des vormals geteilten Deutschlands erinnernde Warteschlange bis weit vor das Ladengeschäft bildet, hat sich mir nicht erschlossen.
Der Reis köchelt stundenlang vor sich hin, die Currygerichte sind nicht nur fad gewürzt, sondern auch noch fettig. Die Hauptzutat aller Speisen ist Glutamat.
Das Ladenlokal ist leer, noch. Den Blick ins Innere verhindern provisorisch in die Scheiben geklebte Bilder des Taj Mahals sowie Bilder von der Speisekarte – vermutlich die Nummern 11 und 37 (appetitlich angerichtet, ein Meisterwerk des Fooddesigns) – und noch einmal das Taj Mahal. An der Tür klebt ein Schild, das verrät: „Hier eröffnet demnächst ein indisches Fastfood-Restaurant.“
Zuvor befand sich in diesen Räumlichkeiten die Filiale einer amerikanischen Burgerbräterei. Früher gab es hier Geschmacksverstärker mit Rind, bald gibt es Geschmacksverstärker ohne Rind. Jeder geschlossene McDonald’s ist ein guter McDonald’s, denke ich im Vorübergehen. Bald kommt der Inder: Glutamat, Glutamat, Glutamat – ich liebe es.
Kapuzenmann vor Bekleidungsgeschäft, Hamburg-Sternschanze
Dauerwellen, Leggings, Schulterpolster und Lederkrawatten – alle sind zu recht in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ausgestorben. Dergleichen hätte ich mir auch für übersättigte Farbtöne in pink, violett und türkis gewünscht.
Seitdem eine gewisse amerikanische Bekleidungskette auch hierzulande Fuß gefasst hat, sind auch die Kolorationen meiner Achtziger-Jahre-Alpträume zurück in das Leben gekehrt. Stets, wenn ich an einem dieser Geschäfte vorbeiziehe, wird mir bewusst, dass die von dem Unternehmen gelebten Tugenden Umweltbewusstsein und Sozialverträglichkeit zwar ganz schön, aber eben auch nicht alles sind. Vielmehr irritiert mich regelmäßig, dass die EU-Bürokratie dieses Unternehmen noch nicht zur Anbringung von Schildern, die vor Augenkrebs warnen, verpflichtet hat.
Erst heute dachte ich wieder daran, wie schön es wäre, ein Hund zu sein, war ich doch bis eben dem Trugschluss aufgesessen, dass dieser Säugetierart ausschließlich schwarzweiß zu sehen vermag. Als Hund könnte man einen Besuch bei American Apparel schadlos überstehen. Ein Trugschluss, wie mich soeben ein Blick in eine bekannte Onlineenzyklopädie lehrte: Das Raubtier aus der Überfamilie der Hundeartigen vermag – eine ausreichende Beleuchtung vorausgesetzt – nämlich sehr wohl Farben zu sehen. Das ist zwar in den meisten Fällen gut für das Tier, nicht jedoch, falls Herrchen oder Frauchen eine Vorliebe für vorerwähnte Bekleidungskette pflegen. Lediglich über eine Rot-Grün-Sehschwäche verfügt der Vierbeiner, was ihn vermutlich nicht vollständig vor American Apparel zu schützen vermag.
Ich bin zwar kein ausgesprochener Hundefreund; vielmehr finde ich, dass Hunde in der Stadt nichts verloren haben. Aber sobald ich jemanden entdecke, der seinen Canis lupus familiaris vor einer AA-Filiale anleint, werde ich den Tierschutzverein benachrichtigen – getreu dem Motto: „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“. So kann es eines Tages doch noch kommen, was ich nicht für möglich gehalten hätte: Der Hund wird zum besten Freund des Menschen, in diesem Falle zu meinem. Solange Dauerwellen, Leggings, Schulterpolster und Lederkrawatten nicht zurückkehren, soll mir dies recht sein.