Es gärt

Intelligent Bacteria – Sacchromyces cerevisiae, HONF (House of Natrual Fibre)

“Man muss die Welt nicht verstehen,
man muss sich nur darin zurechtfinden.”

(Albert Einstein)

Club Transmediale, Hebbel am Ufer: Ich befinde mich unerwartet in einer Veranstaltung, die in französischer Sprache abgehalten wird. Zwar verstehe ich nur einen Bruchteil, fühle mich aber gerade zu cool, um mir einen Kopfhörer zum Empfang der Simultanübersetzug zu holen. Und so sitze ich etwa eine Viertelstunde in der letzten Reihe des kleinen Theaters und lausche dem Klang der Stimmen. Plötzlich denke ich an eine Freundin aus längst vergangenen Tagen, deren Vater einst ein Ferienhaus in einer Nudistenkolonie in Südfrankreich besaß. Ich war nie dort, habe es mir aber immer ein bißchen wie in Houllebecqs Elementarteilchen vorgestellt – nur mit weniger Sex. Schnitt.

Später im Haus der Kulturen der Welt wird ein Film bejubelt: Ein gewöhnliches Mashup aus Filmschnipseln und -musiken, wie es auf YouTube tausendfach finden ist, aber zu Recht keine besondere Beachtung erfährt. Schnitt.

Ich wende mich den intelligenten Bakterien zu: einer akustisch-performativen Installation, die Kunst und Biotechnologie vereint. Dieses Projekt versteht sich als Reaktion auf die Häufung von Vergiftungen und Todesfällen in Indonesien, wo Alkohol gesetzlich verboten ist. Aufgrund dessen produziert die Bevölkerung unwissentlich giftiges Methanol. Unter Einsatz von DIY- und Open-Source-Technologien zeigt Intelligent Bacteria, wie man sicher und kostengünstig tropische Früchte zu Alkohol fermentieren kann.

Das Ploppen des Gärungsprozesses wird über Mikrofone abgenommen und in den Raum übertragen. Die Installation strahlt zwar eher den Charme eines Labors aus, aber immerhin kann hier niemand behaupten, dass Kunst sinnlos sei.

Happy End

Plakatwerbung, U-Bahnhof Französische Straße, Berlin

Und fühlst du dich geliebt, dann frag‘ nicht,
Und bist du mal betrübt, verzag nicht.
Denn immer wird’s so sein wie heut‘,
Auf Liebesleid folgt Liebesfreud‘.

(Fritz Kreisler, Liebesleid)

Schon wieder scheint das Konzept der romantischen Liebe gescheitert. Du überlegst, ob du ein letztes Mal 9,98 Euro investieren sollst – wahrlich kein allzu hoher Preis für ein Happy End. Aber wer will schon eine Barbiepuppe?

Staub

„Die Kunst ist das Höchste und
das Widerwärtigste gleichzeitig.“

(Thomas Bernhard, Alte Meister)

transmediale im Haus der Kulturen der Welt, Eröffnungsveranstaltung: Ein Kurzfilm wird gezeigt. Zuerst eine dunkle Leinwand, aus den Lautsprechern ertönt Gewummer. Dann Flimmern und Staub. Ein Insekt taumelt mehr als es fliegt. Regen, ein alter Mann schwebt horizontal durch das Bild. Wieder Staub, Kaulquappen, noch mehr Regen. Verstörung. Der Film scheint länger und länger zu werden, das Gewummer wird stärker und ich denke an des Kaisers neue Kleider. Das Ende.

Warten auf Züge ist wie Arbeit

Drei Mal in den vergangenen Tagen nach vier Uhr ins Bett gegangen, zum Ausgleich heute vor vier Uhr aufgestanden. Es geht, wenn man muss.

Noch 20 Minuten bis zur Abfahrt meines Zuges. Morgens, um fünf Uhr, wirkt der Berliner Hauptbahnhof wie frisch gebadet: Die Putzkolonnen haben ihre Arbeit bravourös gemeistert, kaum ein gehetzter Reisender ist jetzt schon unterwegs. Noch 15 Minuten bis zur Abfahrt meines Zuges. Ich erwerbe eine Tageszeitung, es ist genug Zeit für ein Foto. Noch 10 Minuten bis zur Abfahrt meines Zuges. Das Kaffeehaus H. Meins in der ersten Etage ist geschlossen, mein Körper verlangt jedoch nach einer Koffeinzufuhr. Lediglich die Niederlassung einer Großbäckerei bietet Heißgetränke aus gerösteten Bohnen an, welche jedoch mittels Vollautomaten zubereitet werden. Kaffeegenuss ist anders. Noch fünf Minuten bis zur Abfahrt meines Zuges. Ich entscheide mich doch für den Kaffee, obwohl sein Weg in den Körper leider über den Gaumen anstatt direkt in die Vene führt. Noch zwei Minuten bis zur Abfahrt meines Zuges. Wieder einmal bemerke ich, wie schlecht doch die Wege zu den Gleisen ausgeschildert sind. Es ist knapp. Noch eine Minute bis zur Abfahrt meines Zuges. Ich hetze die Rolltreppe hinunter, der Zug fährt bereits ein. Ich erreiche ihn – aber sehr, sehr knapp.

Erst Trödeln und dann Drängeln ist ja irgendwie auch so eine Unart. Warten auf Züge ist im Prinzip wie Arbeit: Je mehr Zeit man hat, desto mehr braucht man auch.

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