Don’t know why
There’s no sun up in the sky
Stormy weather (Harold Arlen)
Stürmisch war es heute wieder einmal in der Freien und Hansestadt Hamburg. Eine Abwrackprämie für Regenschirme hätte heute ohne weiteres das längst ausgestorbene Handwerk des Schirmmachers zu neuem Leben erwecken können. Wäre der Strum ein paar Tage früher gekommen und ein paar Stärken heftiger ausgefallen, er hätte möglicherweise sogar die mittlerweile insolvente Kaufhauskette Karstadt retten können.
Dafür ist es nun zu spät. Das Handwerk des Schirmmachers gibt es längst nicht mehr; müsste ich heute einen neuen Schirm kaufen, ich ginge zu Karstadt. Alle meine Regenschirme habe ich in einer Filiale dieses Warenhauses erworben. Eigentlich habe ich nie etwas anderes bei Karstadt gekauft als Regenschirme. Ich weiß, das war zu wenig, um dieses Unternehmen am Leben zu halten; aber die meisten Dinge, die es dort gibt, brauche ich einfach nicht: Kurzwaren, Teppichklopfer, Modeschmuck und Lampenschirme. Aber einen neuen Regenschirm brauche ich ab und zu – schließlich halten sie nicht allzu lange dem Hamburger Wetter stand.
Karstadt geht, das stürmische Wetter in Hamburg bleibt. Falls ich mal Kinder und Enkelkinder haben sollte – ich weiß nicht, wo sie ihre Regenschirme kaufen sollen. Mein Regenschirm hat den heutigen Sturm überlebt. Trotzdem werde ich gleich morgen einen neuen auf Vorrat kaufen.
Während man sich in meiner Generation im Prinzip lediglich zwischen Blur und Oasis entscheiden musste (ich: Blur!), stand die Generation meiner Eltern vor der weitaus entscheidenderen Frage: Beatles oder Rolling Stones? Ich weiß gar nicht genau, auf welcher Seite meine Eltern standen; aber da sich in unserem Haushalt zumindest eine einzige Beatles-CD, hingegen keine der rollenden Steine befand, schließe ich daraus, dass man eher den Liverpooler Pilzköpfen zugeneigt war.
Ganz richtig, es gab eine CD. Ich bin mit den silbernen Scheiben groß geworden, analoge Tonträger wurden frühzeitig weitestgehend aus meinem Leben verbannt. Das ist im Nachhinein schade, schätze ich doch heute die schwarzen Rillen, aber die 80er Jahre des vergangenen Jahres waren eben – trotz Demonstrationen gegen Atomkraftwerke – tendenziell von zum Teil einer absurden Technikgläubigkeit geprägt. Während fünf Jahrzehnte alte Schallspielplatten bei ordnungsgemäßer Behandlung noch immer einwandfrei ihren Dienst versehen, rechne ich damit, dass sich die ersten Compact Discs aus meiner Sammlung demnächst in Wohlgefallen auflösen werden.
Der erste Tonträger der Beatles, welcher mir im Alter von dreizehn Jahren in die Hände fiel, war „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ – selbstverständlich als CD. Beim Betrachten des wunderbaren Covers kamen mir allerdings die ersten Zweifel an der Sinnhaftigkeit des digitalen Mediums, waren doch die berühmten Persönlichkeiten von Bob Dylan über Marlene Dietrich bis hin zu Karl Marx und Albert Einstein selbst mit meinem zu damaliger Zeit noch nicht fehlsichtigen Kinderauge auf dem montierten Gruppenbild kaum zu erkennen. Künftige Generationen, die mp3-bedingt gänzlich ohne Cover-Art aufwachsen müssen, werden selbst die haptisch unzulängliche Compact Disc möglicherweise wieder mehr zu schätzen wissen. Vom ersten Ton an (Stimmen des Orchesters) fand ich die Platte großartig. Aber, als wenn es nicht schon gereicht hätte, dass ich mit CDs groß geworden bin, ich bin auch noch mit Best-of-Alben groß geworden. Zum ersten Mal habe ich nun ein Album als Gesamtkunstwerk wahrgenommen, wenngleich sich mir das Konzept dieses sogenannten Konzeptalbums auch erst Jahre später erschließen sollte. Trotz rudimentärer Englischkenntnisse ist mir gleichwohl die eher fröhliche Grundstimmung der Musik nicht verborgen geblieben.
Ich wollte mehr – und so war meine Freude entsprechend groß, als ich nur wenige Wochen später in der Plattensammlung der Eltern meines damals besten Freundes die Vinylversion des Doppelalbums „1967-1970“, besser bekannt als „Das blaue Album“, entdeckte. Mit etwas Rechenkunst und viel Geschick ist es mir gelungen, dieses auf eine Compact-Cassette mit einer Länge von 90 Minuten zu überspielen. Dieses Wunder gelang freilich nur durch Weglassen der mir bereits von „Sgt. Pepper“ bekannten Titel – und passte zu meinem Erstaunen – meine Rechenkünste waren nicht sonderlich ausgeprägt – ziemlich genau aufs Band. Auch das „blaue Album“ bereitete mir die größte Freude, über das von Beginn an als dümmlich empfundene „Ob-La-Di, Ob-La-Da“ sehe ich noch heute großzügig hinweg (ebenso über „Hello, Goodbye“).
Warum aber habe ich nun „You’ve Got To Hide Your Love Away“ gewählt? Dieses Lied aus dem fünften Album der Beatles „Help!“, das gleichzeitig Soundtrack zum gleichnamigen Film war, begegnete mir noch vor „Sgt. Pepper“ und zwar – man hält es kaum für möglich – im Musikunterricht. In der sechsten Klasse hatte ich einen wunderbaren Musiklehrer namens Götz Glatz, der uns nicht nur mit der Blockflöte quälte, sondern mir auch die Beatles und Bob Dylan genauso nahebrachte wie den plattdeutschen Folksong „Dat du min Leevsten bist“. Er unterrichtete Musik als sogenanntes Neigungsfach; das heißt, er hatte keine formelle schulmusikalische Ausbildung genossen und nur wenig Ahnung von den laut Lehrplan vorgesehenen Themen – aber viel Spaß an der Musik, und verstand es vor allem, diesen weiterzugeben. Eines Tages sang er zu seiner Gitarrenbegleitung „You’ve Got To Hide Your Love Away“ und erzählte uns von der Großartigkeit der Beatles. Dies ist sicher nicht der bedeutendste Song der Beatles, aber für mich vielleicht der erste, den ich bewusst wahrgenommen habe.
Glatzens Hauptfach war Mathematik, für die seine (und auch meine) Begeisterung sicher nicht ganz so groß war. Umso froher bin ich heute, dass mir die Kopie des „Blauen Albums“ dennoch gelang. Götz Glatz hätte die Freude an der guten Musik sicher noch an viele Schülergenerationen weitergeben können. Leider verstarb er vor ein paar Jahren viel zu früh. Höre ich heute ein Stück von den Beatles, denke ich manchmal noch an meinen alten Lehrer – aber eher an seinen feinen Musikunterricht als an die Binomischen Formeln. „Sgt. Pepper“ habe ich beim Auszug aus dem Elternhaus mitgenommen – obwohl es nur eine CD war.
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Dies ist ein Beitrag aus meiner Serie “Der Soundtrack meines Lebens”. Weitere Beiträge dazu folgen demnächst wahrscheinlich hier. Du möchtest auch ein Stück Musik vorstellen? Nur zu.
Beginne ich gleich mit den ganz großen Peinlichkeiten: Dass ich im Jahr 1976 das Licht der Welt erblickte, ist eigentlich halb so schlimm. Jedoch hatte dies zur Folge, dass ich meine ersten musikalischen Kontakte mit Liedern der sogenannten Neuen Deutschen Welle (NDW) machte, einer deutschsprachigen Variante des New Wave und Punk. Die Protagonisten dieser musikalischen Strömung kamen aus Westberlin, Düsseldorf oder Hamburg, trugen unförmige, neonfarbige Kleidungsstücke, und die Frauen hatten überwiegend sehr ausladende dauergewellte Frisuren, die den Eindruck machten, als sei gerade eine Atombombe in ihrem Kopf explodiert. Aber auch sonst waren die achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts eine schlimme Zeit, was sich auch daran zeigte, dass sich bereits 1980 Die Grünen gründeten.
Im Jahre 1983 interessierten mich aber weder Atombomben noch politische Parteien (auch angesichts der damaligen Frisurenmode bekam ich erst Jahre später, als mir Fotos aus dieser Zeit gezeigt wurden, ein ungutes Gefühl). Schon zu groß für den Kindergarten, aber noch kurz vor der Einschulung habe ich das erste Mal in meinem Leben Musik bewusst wahrgenommen: Der gelernte Reiseverkehrskaufmann Peter Schilling besang Major Tom, einen fiktiven Raumfahrer, der die Verbindung zu seiner Bodenstation verliert. Acht Wochen lang führte dieses Lied die Verkaufscharts an.
Mein Vater besaß damals ein großspuliges Tonbandgerät der Schwarzwälder-Apparate-Bau-Anstalt (SABA) Telefunken, auf dem ich dieses Lied immer und immer wieder hörte. Vom Text verstand ich vermutlich nicht sonderlich viel, wähnte mich jedoch dabei in einem Raumschiff. Völlig losgelöst …
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Dies ist ein Beitrag aus meiner Serie „Der Soundtrack meines Lebens“. Weitere Beiträge dazu folgen demnächst wahrscheinlich hier. Du möchtest auch ein Stück Musik vorstellen? Nur zu.