Der Schuh quietscht

Es kam sehr plötzlich und verschwand nimmer. Immer wenn ich mit dem linken Fuß den Boden berühre, quietscht der Schuh. Nicht sonderlich laut, aber doch deutlich wahrnehmbar. Ist die Umgebung leise, etwa im Büro, wenn alle konzentriert hinter ihren Bildschirmen sitzen und Minesweeper spielen oder was auch immer tun, und ich den Gang entlang gehe, dann richten sich die Köpfe auf und die sich in ihnen befindenden Augenpaare starren mich allesamt an.

Das ist schlimm, aber das ist noch nicht das Schlimmste. Bei jedem Quietschen denke ich „Erna, der Schuh quietscht“, natürlich in der norddeutschen Übersetzung von Harry Rowohlt, und ob Robert Gernhardt wohl je einen quietschenden getragen hat. Seit ein paar Tagen nun schon laufe ich mit dem quietschenden Sneaker herum. Tatsächlich, hast Recht, boschi, der Schuh ist am Quietschen. Und so geht es immer weiter und ich denke, was doch so ein nadelnder Baum für ein verhältnismäßig kleines und vorübergehendes Ärgernis ist.

Aber ich ich bin ja Blogger, und falls hier zufällig jemand von einer Schuh-PR-Firma mitlesen sollte, bitte ich um Zusendung eines bequemen und wintertauglichen Sneakers in der Größe 46. Im Gegenzug würde ich dem Hersteller auch einen Beitrag widmen – 1a Schuh-Content sozusagen. Falls nicht, ist’s auch egal. Dann kaufe ich mir eben selbst einen neuen nichtquietschenden Schuh. Vielleicht gönne ich mir sogar ein Paar.

Müdigkeit

Wie der Schlaflose daliegt bis hinein ins Fahllicht des
Morgengrauens, das ihm die Verdammnis bedeutet, über ihn
allein da in seiner Schlaflosigkeitshölle hinaus des ganzen
fehlgeratenen, auf den falschen Planeten verschlagenen
Menschenwesen … Auch ich war in der Welt der Schlaflosen
(und bin es, immer wieder, noch jetzt.)

(Peter Handke, Versuch über die Müdigkeit)

Nach einer fast schlaflosen Nacht von Singvögeln geweckt werden und sich fragen, wie es wäre, diese von den Bäumen zu holen. Wer sagt einem denn, dass vier Stunden der Nachtruhe nicht vollkommen ausreichen? Dann ein Glas Milch trinken und auf die von der Agrarwirtschaft versprochene muntermachende Wirkung hoffen, die der weiße Saft der Kuh jedoch niemals zu spenden vermag. Trotz allem relativ beschwingt in den Tag starten, aber schon bald von der Müdigkeit unerbittlich eingeholt werden.

Über das Schnarchen

Berliner Philharmonie

Gelegentlich schnarche ich. Ich selbst höre es fast nie, es sei denn, ich erwache davon. Das ist nicht weiter schlimm. (Zuweilen soll es sogar Damen geben, die hin und wieder zu schnarchen pflegen. Als Gentleman bevorzuge ich es jedoch, in diesen äußerst selten Fällen darüber zu schweigen oder – wenn es unvermeidbar ist – von einem lieblichen Säuseln zu sprechen.)

In der Wohnung unter mir wohnt neuerdings ein dicker Mann. Er schnarcht nicht nur gelegentlich, sondern ununterbrochen. Im Prinzip schnarcht er morgens, mittags und abends (und nachts sowieso). Hisste man sein Gaumensegel auf einem Viermaster, käme man selbst bei Flaute in Rekordgeschwindigkeit um die Welt.

Früher bewahrte ich in dem kleinen Schränkchen neben meinem Bett für den Fall der Fälle Kondome auf. Dafür ist heute kein Platz mehr, denn ich benötige in meiner Nähe griffbereit stets eine Klinikpackung Ohropax. Manchmal, wenn ich wach liege, obwohl ich eigentlich müde bin, sehne ich mich danach, neben einem Sägewerk zu wohnen, einer Großbaustelle oder zumindest einem Flughafen ohne Nachtflugverbot.

Kürzlich hat der Mann aufgehört zu schnarchen. Ich befürchtete das Schlimmste: Ist er im Schlaf erstickt? Drei Tage und drei Nächte war aus der Wohnung unter mir nichts zu hören. Plötzlich begann ich, mir Sorgen zu machen. Gerade als ich überlegte, an seiner Tür zu klingeln, um zu fragen, ob alles in Ordnung sei, war es wieder da, das Schnarchen. Jedenfalls hat der Nachbar die drei Tage der Abwesenheit nicht genutzt, um sich in einer Hals-Nasen-Ohren-Klinik das Gaumensegel entfernen zu lassen. Auch wenn beruhigt das falsche Wort ist – ein bißchen war ich es.