Unhappy Birthday

Heute also ein Jahr älter,
Lacht nicht, ihr alle werdet sterben.
Im freien Fall und ohne Netz,
Tja, das Leben ist kein Wunschkonzert.

(Gustav)

Menschen, die halb so alt sind wie ich, sind bereits volljährig, aber noch lange nicht erwachsen. Nüchtern blicke ich auf meine Weggefährten, Freunde und Bekannte, allesamt im selben Alter wie ich: einer hat eine Katze, manche haben Kinder, einer hat Zwillinge, einer hat ein Haus, unzählige machen eine Psychotherapie, manche sitzen im Bundestag, andere sind Unternehmer, einer hatte Hodenkrebs, einer hat ein Haus gebaut, einer macht eine Psychoanalyse, einer ist Professor, eine hat geheiratet, einer ist kokainabhängig, einer ist verliebt, einer ist Investmentbanker, eine hatte Hautkrebs, eine ist Psychotherapeutin, einer ist weit weg, einer ist schon wieder geschieden, eine macht was mit Kunst, einer hatte einen Schlaganfall, eine hat Karriere gemacht, einer ist Staatsanwalt; eine tut immerzu, als sei alles okay und einer hat sich das Leben genommen.

Was noch kommen mag, man weiß es nicht. Vor vielen Jahren hat mich einst eine Freundin als arriviert bezeichnet. Damals habe ich mich daran gestört. Aber was ist eigentlich so verkehrt daran, anzukommen? Heute wünschte ich manchmal, ich wäre es. Zumindest ein bißchen.

Myll, 14. September: Letzte Begegnung 14. September 2011

12.03. Musste gerade an N. denken, den ich genau heute vor einem Jahr zum letzten Mal traf. Wir kannten einander nicht besonders gut, aber wie sollten wir auch, denn vielleicht kennt man nicht einmal sich. Wie immer war es eine eher beiläufige Begegnung. Irgendein Spitzenpolitiker sprach zu irgendeinem Thema, der Raum war überfüllt, die Luft war dünn. Er war etwas fahrig, aber nicht fahriger als sonst, also ganz normal, wie mir schien. Ich frug, wie es ihm ginge und er sagte irgendwas. Wie oft fragt man jemanden, wie es ihm geht und stolpert dann gar nicht über nichtssagende Antworten, wenn der andere nicht gerade „muss“ oder „Danke!“ antwortet? Wir verloren einander im Laufe des Abends schnell aus den Augen. Man ahnt ja bei letzten Begegnungen fast nie, dass es die letzten sind.

Myll, 13. September 2012: Brief

11.27 Sie zeigt mir einen Brief von Rainald Goetz, dessen Inhalt gar keine Rolle spielt, wie ja überhaupt in der Schriftstellerei zumeist die Form eine größere Rolle spielt. Allein die Tatsache, dass Goetz Briefe schreibt, ist interessant. Auffällig, seine Handschrift: geschwungen, markant, aber trotzdem gut lesbar. Man erkennt sofort den geübten Briefeschreiber usw. Schriftsteller sind ja die einzigen, die nach wie vor immerzu Briefe schreiben müssen, damit irgendwann Bücher mit ihren Schriftwechseln erscheinen können. Ein später Dank und Gruß an die herausgebenden Witwen und Literaturwissenschaftlerinnen. Anstrengend, immer im Hinterkopf haben zu müssen, dass ja irgendwas bleiben müsse, anstatt schnell wegzulöschende elektronische Kurzmitteilungen zu verfassen. Stattdessen Briefe und Postkarten, verfasst mit dokumentenechter Tinte.

Handgeschriebene Briefe und der Euro werden verschwinden, genau wie auch die Liebe verschwunden ist. Und irgendwann, ganz zum Schluss, wird auch das Internet weg sein. Aber das ist dann so egal, wie eigentlich alles egal ist. Bald gibt es wieder Bodenfrost.

Kartoffelmaschine

Sigmar Polke; Apparat, mit dem eine Kartoffel eine andere umkreisen kann; 1969

Während in Berlin in dieser Woche der Kunstbär steppt, holt man in Hamburg die alten Schinken aus dem Keller. 15 Jahre steht der Kubus der Galerie der Gegenwart nun neben dem Hauptbahnhof und was läge näher, als in 15 Räumen 15 Künstler aus der eigenen Sammlung zu präsentieren? Warhol, Baselitz, Richter, all das hat man schon oft gesehen, und während ich etwas gelangweilt Raum um Raum durchschreite, bleibe ich plötzlich an einer Installation hängen, die mich wie keine andere zu erfreuen vermag.

Es ist ein Apparat, aber freilich kein bösartiger wie in Kafkas Strafkolonie, sondern ein freundlich sinnloses Ding: Sigmar Polkes „Apparat, mit dem eine Kartoffel eine andere umkreisen kann“ besteht aus einem modifizierten Holzstuhl, einer Metallstange, einem Gummiband, einem Motor und zwei auswechselbaren Kartoffeln. Gewöhnlich tut diese Installation genau das, was ihr Name verspricht. Da mich, anders als bei den anderen gezeigten Kunstwerken, kein Warnschild von der Aktivierung des Apparates abhält, betätige ich voller kindlicher Freude den Knopf, um die eine Kartoffel um die andere Kreisen zu lassen. Was dann passiert: Nichts. Der Motor röhrt ein wenig, sodann eilt ein Mitarbeiter des Wachpersonals herbei, um mich aufzuklären, dass es verboten sei, den Knopf zu drücken und dass der kartoffelantreibende Riemen defekt sei. Ob eine Instandsetzung geplant sei, wisse man nicht. Ich bedaure dies, denn eine kreisende Kartoffel hätte mir sicher diesen tristen Herbsttag versüßen können.

Und so bleibt mir nichts anderes, als immer und immer wieder das Video der funktionierenden Installation anzuschauen und zu hoffen, dass eine Dame aus dem Freundeskreis der Hamburger Kunsthalle ihr Haargummi für einen wirklich guten Zweck spenden möge.

boschblog.de
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.