Ohne Titel

Wie jeden Tag saß das Mädchen mit dem Akkordeon vor dem Supermarkt auf dem tristen Marktplatz und spielte traurige Weisen. Die meisten Menschen beachten sie gar nicht und ziehen teilnahmslos vorbei, wie auch ich das meistens tue. Nur heute, als ich an der Bushaltestelle wartete, schenkte ich ihr einen flüchtigen Blick und war dankbar, dass sie wenigstens nicht „Besame mucho“ spielte. Gleichzeitig bemerkte ich im Augenwinkel eine Frau, die Andrea G., einer Mitschülerin aus Grundschulzeiten, die mir vor etwa einem Vierteljahrhundert mit voller Wucht und Absicht, aber ohne Grund, gegen das Schienbein trat, zum Verwechseln ähnelte.

Ob des Anblicks setzte unerwartet eine Art Phantomschmerz in meinem Schienbein ein. Unberechtigt war dies, denn der Knochen meines Unterschenkels war sowohl noch vorhanden als auch vollkommen intakt. Dennoch betrat ich grundlos leicht humpelnd den Linienbus. Neben mir saß ein älteres Ehepaar, das mir jedoch noch etwas zu jung für die Worte, welche ich mitzuhören nicht beabsichtigt hatte, erschien. Etwas zu laut sagte die Frau: „Helmut, ich bin froh, dass du deinen Geist wiederhast und wieder mit mehr Mut in den Tag startest.“ Helmut indes blickte ins Leere und machte dazu einen wenig geistreichen Eindruck.

Mir blieb nichts weiter, als meinen Kopfhörer aufzusetzen und zur Zerstreuung Bachs Goldberg-Variationen einzuschalten.

Litauen-Hamburg

Einen weiten Weg hatte die Kleine bereits hinter sich. Zusammengepfercht in einem kleinen, dunklen Lastwagen hat sie den weiten und beschwerlichen Weg von Litauen nach Hamburg auf sich genommen, nur um es hier vielleicht irgendwann einmal besser zu habe. Die meisten ihrer Genossinnen landeten in zwielichtigen Etablissements, wo ihr Lebensglück keinen Pfifferling wert war.

Geklöppel am Morgen und Promillekørsel

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Gewöhnlich habe ich einen gesunden Schlaf. Heute jedoch erwache ich bereits um 4.30 Uhr. Es ist nicht nur das leidige Gezwitscher des Federviehs, das mich um meine Nachtruhe bringt. Heute kommt von irgendwoher ein dumpfes Geklöppel, das mich aus meinen süßen Träumen reißt. Es ist ein lautstarkes, regelmäßiges Geräusch, das einem Schlag auf eine große Trommel im Sekundentakt gleicht.

Spornstreichs nachtwandle ich auf meine Balkonage, um den Übeltäter auszumachen. Ich bemerke, dass es zu dieser Uhrzeit bereits fast taghell ist. Eine Erkenntnis, die mich überrascht – die Zeiten, in denen ich um 4.30 Uhr nach Hause gekommen bin, sind längst vorüber, ein Hang zur präsenilen Bettflucht ist noch nicht auszumachen. Ich lasse meinen Blick kreisen: Sollte in meiner näheren Umgebung, von mir unbemerkt, eine Galeerenschule ihre Tore geöffnet haben? Werden hier des Nachts Freiwillige für den Dienst in frühneuzeitlichen Ruderkriegsschiffen ausgebildet oder findet gar vor meiner Haustür eine Art verschärftes Höhentraining für die Ruder-Olympiamannschaft statt?

Das Rätsel bleibt ungelöst. Hilfslos und verzweifelt suche ich erneut mein Bett auf, während draußen das Geräusch in unveränderter Intensität andauert. Ich stelle mir das Geklöppel nun als meditatives Begleitgeräusch vor, das mich in den Schlaf zurück begleiten soll. Bevor sich meine Augen schließen, denke ich an Guido Knopp. Halt, Moment mal, etwa an den Guido Knopp, der uns im ZDF immer wieder stark vereinfacht und mit Hang zum Kitsch, Laienschauspiel und musikalischer Untermalung die dunklen Seiten der deutschen Geschichte erklärt? Ja, genau an den.

Beim Zappen stieß  gestern ich auf von ihm produzierte Dokumentation über die Königshäuser Europas. Gewöhnlich interessiert mich deren Schicksal ebenso wenig wie das der Fußballnationalmannschaft, doch verschaffte mir diese Sendung einen kurzen Moment des Glücks:

Kronprinz Frederik von Dänemark, der Sohn der in der Fernsehsendung als Märchenkönign bezeichneten Margrethe II., zog einst Negativschlagzeilen der dänischen Boulevardpresse auf sich, da er in alkoholisiertem Zustand ein Kraftfahrzeug betätigte, was auch im Land der Dänen nicht gern gesehen ist. So kam es, dass – nur für wenige Sekunden – die Titelseite eines solchen Blattes im ZDF zu sehen war. In großen Lettern stand dort geschrieben: „Promillekørsel …“

Was für ein wunderschönes Wort: Promillekørsel. Ich dachte immer und immer wieder an Promillekørsel und war bei diesem Gedanken hocherfreut über das neu gelernte Wort, das ich fortan hüten werde wie einen kleinen Schatz. Wie gern wäre man manchmal, insbesondere in schalflosen Nächten, ein Promillekørsel, dachte ich. Eine kurze Recherche ergab jedoch, dass man kein Promillekørsel ist, sondern eine Promillekørsel macht, auch gut. Promillekørsel, Promillekørsel, Promillekørsel. Von Glück beseelt, aber nüchtern, schlief ich sodann noch ein paar Stunden.

Klappradfahrer, das unbekannte Wesen

Klapprad
Illustration: lady-kinkling

Nie zuvor machte ich mir Gedanken über das Wesen des Klappradfahrers. Bei allen anderen Fahrradtypen stellt sich diese Frage nicht, denn die Antworten erscheinen eindeutiger: Windschnittige Modelle ohne Schutzblech und mit breiten Reifen fahren Fahrradkuriere, gemütliche Citybikes mit Korb fahren Menschen wie mein früherer Geschichtslehrer, der zwar den Führerschein der Klasse III auch im dritten Anlauf nicht bestanden hat, aber dafür schon früh ein entschlossener Kämpfer für die Verbreitung von Fahrradhelmen war. Leider sah er mit seiner Eierschale auf dem Kopf so dümmlich aus, dass er entgegen aller Vernunft und Zunahme von überdimensionierten Geländewagen in Großstädten noch immer einer der Hauptgründe dafür ist, weshalb ich auf einen derartigen Kopfschutz verzichte. Gepimpte Cruiser fährt der Nachwuchs der Mitglieder von Motorradgangs, Liegefahrräder fahren Althippies, die sich einen lang gehegten Fortbewegungstraum erfüllen wollen und sich noch zu jung für einen Rollstuhl fühlen. Ein Fahrrad mit Hilfsmotor fährt meine Oma und Kardioräder fahren Fitnessfanatiker, die das Wort Trimm-dich-Fahrrad nie in den Mund nähmen, aber trotzdem nicht von der Stelle kommen.

Doch was für ein Typ Mensch ist der Klappradfahrer? Bis gestern noch habe ich gedacht, er sei ein schizophrener Spießer: Einerseits spart er sich den kleinsten Fußweg bis zur nächsten Regionalbahnhaltestelle und achtet vor dem Losfahren peinlich genau auf die Anbringung von Fahrradklammern, um seine C&A-Hose nicht in Mitleidenschaft zu ziehen. Andererseits schleppt er sich mit seinem Faltdrahtesel halb zu Tode und transpiriert dabei übermäßig in die von ihm ansonsten so behütete Polyacrylhose. Seit heute jedoch weiß ich es besser: Innerhalb von drei Minuten sind mir gleich zwei Menschen auf ihren viel zu zierlichen Velos begegnet. Diese übermäßige Konzentration, die selbst mich als aufmerksamen Beobachter des Zweiradwesens überraschte, nutze ich sogleich für eine kleine Sozialstudie zur Erforschung des unbekannten Wesens.

Der erste trug ein weißes Leinendress, auf dem Kopf eine wilde Lockenpracht und natürlich war er barfuß – ganz sicher war dieser junge Mann ein Resultat der freien Liebe, wie sie seit den späten sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts bevorzugt in Wohngemeinschaften, den sogenannten Kommunen, praktiziert wird, und vermutlich ein Abkömmling Rainer Langhans. Daß er mir mit seinem Vehikel fast über den Fuß fuhr, nahm ich ihm nicht übel; sein Schwanken war sicher nur Ausdruck einer Nebenwirkung der von ihm bereits mit der Muttermilch aufgenommenen bewusstseinserweiternden Substanzen.

Der zweite entsprach optisch dem Ebenbild Reinhold Messners. Sein Bruder konnte es nicht gewesen sein, denn dieser ist einst bei einem tragischen Unfall vom Berg gefallen – aber um einen nahen Verwandten handelte es sich mit Sicherheit. Er war eindeutig am messnerschen Rauschebart zu identifizieren, zudem bewältigte er mit seinem Faltrad die für Hamburger Verhältnisse ungewöhnlich starke Steigung von 3,5 % nahezu mühelos – und das ohne Zuhilfenahme von Nabenschaltung und Sauerstoffgerät.

So schwer es auch fällt, ich muss nach diesen Beobachtungen mein Urteil über den Klappradfahrer als solches revidieren. Der Klappradfahrer ist der Nonkonformist auf zwei Rädern. Er bringt ein Höchstmaß an Individualität auf die Straße. Er ist zwar nicht der Schnellste unter den Radfahrern, aber wie er so auf seinen kleinen Rädern dahingleitet, wohl doch der Lässigste. Berauscht von Muttermilch und Natur gleitet er – fast wie auf Schienen – allen anderen Fahrradfahrern davon. Mit Wohlwollen betrachte ich ab sofort den Eigensinn dieses besonderen Menschenschlages und wünsche ihnen immer eine gute Fahrt – oder, wie man in Fachkreisen sagt: Gut Klapp!

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