Eine ganz und gar langweilige Reisegeschichte

HAM, Juni 2009

„Ich möchte den Totenkopf des Mannes
streicheln, der die Ferien erfunden hat.“

(Jean Paul)

Ich sitze in dem Café mit den großen Fensterscheiben, als eine Bekannte ihr kaputtes Fahrrad vorbeischiebt. Wir winken einander zu, sie kommt herein und setzt sich zu mir. Alsbald erzählt sie mir von den Vorzügen des Reisens: drei Wochen weilte die Bekannte gerade ohne Spanischkenntnisse allein in Kolumbien. Ein wenig bewundere ich sie für ihren Unternehmungsgeist.

Für mich spielte das Reisen nie eine besonders große Rolle: In meiner Kindheit war es aus familiären Gründen nicht möglich, später hat es sich mir nie wirklich erschlossen. Ganz im Gegenteil: Wenn ich ganz neu an einem Ort ankomme, verspüre ich so etwas wie einen Ortswechselschock – eine Art innere Unruhe. Diese hält in der Regel mehrere Tage an, bis ich mich mit meiner neuen Umgebung vertraut gemacht habe. Erst wenn ich weiß, wo es das Frühstück, einen guten Kaffee und eine Tageszeitung gibt, wie der öffentliche Nahverkehr am Urlaubsort funktioniert, oder wo ich einen Internetzugang habe, etc., kann ich langsam damit beginnen, mich ein wenig zu entspannen. Meistens ist dann aber der gebuchte Urlaub bereits wieder vorbei. Insbesondere Rundreisen wären für mich daher völlig undenkbar.

Die Bekannte fragt mich, wohin meine bislang weiteste Reise ging. Ich tue, als müsse ich nachdenken, dabei habe ich Europa nie verlassen: Vor vielen Jahren weilte ich einmal im Januar für zehn Tage auf Fuerteventura. Allerdings handelte es sich um eine eher unfreiwillige Reise zu einer Art Tagung.

„Fahr doch mal ein paar Tage weg, entspanne dich“, lautet häufiger der gutgemeinte Rat von Freunden. Aber was soll schon woanders anders sein – von der Räumlichen Umgebung einmal abgesehen? Ich kann das nicht; lieber bleibe ich ein paar Tage in Hamburg oder Berlin, vertrödele den Tag im vertraueten Umfeld, gehe dort frühstücken, wo es den besten Käse und den leckersten Cappuccino gibt, und anschließend vielleicht in eine Ausstellung. Alles Dinge, die ich an einem Urlaubsort womöglich auch täte – nur ohne ein gezwungenes Wegfahren um des Ortswechsels willen. Und vor allem ohne Ortswechselschock.

Nur sehr wenige Male hat man es in den letzten Jahren geschafft, mich zu einer Urlaubsreise zu bewegen: nach Rügen, Madeira und sogar nach Bayern. Erst einmal am Ziel angekommen, war es dann auch immer ganz schön. – Allerdings war dies sicher auch immer ein großes Stück weit der angenehmen vertrauten Begleitung geschuldet. (Selbst die reiselustige Bekannte gab zu, dass das Alleinreisen für sie kein Ideal sei.)

Warum diese langweilige Reisegeschichte aufschreibe? Das obige Foto habe ich zufällig gerade auf meinem Rechner wiedergefunden – ich wollte es gern veröffentlichen, aber nicht so ganz für sich allein stehen lassen.

Ist das Kunst oder kann das weg?

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Ist das Kunst oder kann das weg? Diese Frage kann bei einem Besuch des Gängeviertels schon mal aufkommen. Früher wurde es von der Stadt nicht gewollt, dann von Künstlern besetzt, diese irgendwan geduldet — und jetzt erbeitet man ein „Nutzungskonzept“. Ein großer Erfolg für die, die ein „Recht auf Stadt“ forderten.

Aber was sollen hier die gestapelten Fahrräder im Hinterhof? Sind sie eine Installation, effizient gelagerte Transportmittel oder einfach nur Sperrmüll? Ich weiß es nicht, fühle mich aber daran erinnert, meinen Drahtesel wieder aus dem Keller zu holen. Der Frühling (oder was man dafür hält) kann beginnen.

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Weitere Impressionen aus dem Gängeviertel gibt es hier.

Schrauben weg

Und wat machste für’n Theater um jeden neuen Tach,
Wenne Mittwoch überlebst, dann is Donnerstach.
(Missfits)

Manche Tage sollten nie stattfinden. Die schlimmsten Wochentage sind: Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag und Sonntag.

Gestern war wieder einer von diesen schlimmen Tagen. Ich dachte ausnahmsweise einmal nichts Böses und parkte mein Fahrrad vor einer gut besuchten öffentlichen Einrichtung. Als ich zurückkam, stand es noch genauso da, wie ich es verlassen hatte. Allerdings bemerkte ich nach einigen Metern eine gewisse Instabilität, welche mich fast aus dem Gleichgewicht gebracht hat.

Ein so genannter Mitmensch hatte doch tatsächlich, während ich in der Bücherhalle weilte, die zwei Schrauben, welche meinen Gepäckträger am Rahmen befestigten, unerlaubt entfernt; ja, geklaut, um es beim Namen zu nennen. Jetzt hat die Krise auch den Fahrraddiebstahlmarkt erreicht, dachte ich. Wurden früher wenigstens noch ganze Farräder geklaut, begnügt man sich heute schon mit der heimlichen Abmontage von lumpigen Ersatzteilen. Was diesem Land fehlt, sind Visionen. Und ich will jetzt nicht von Helmut Schmidt reden, denn der ist in seinem ganzen Leben vermutlich noch nie Fahrrad gefahren. Aber wer nicht einmal den Mumm hat, ein vollständiges Zweirad zu klauen, dem kann auch kein Arzt mehr helfen.

Fahrradstation Dammtor l Rotherbaum

Fahrradstation Dammtor l Rotherbaum

Wutschnaubend bin ich in die Fahrrad-Selbsthilfe-Werkstatt in der Nähe der Universität gefahren, welche mir noch aus der Zeit, als der Drahtesel meiner ehemaligen Mitbewohnerin hier ein gerngesehener Dauergast war, gut bekannt war. In der Werkstatt befand sich ein halbes Dutzend schwitzender und ölbeschmierter Do-It-Yourself-Fahrrad-Mechaniker und ungefähr doppelt soviele Fahrradwerkstatts-ABM-Kräfte, die ihnen gefragt und ungefragt mit klugen und vermeintlich klugen Ratschlägen zur Seite standen, aber aus Haftungsgründen niemals selbst Hand anlegten (außer bei ganz verzweifelten hübschen, jungen Damen). Meistens machten die ABM-Kräfte allerdings Pause, rauchten selbstgedrehte Zigaretten und tranken Kaffee aus der Thermoskanne. In der für kleinere Notfälle bereitstehenden „Grabbelkiste“ mit Ersatzteilen gab es natürlich keine passenden Schrauben, also erwarb ich ein Paar samt Muttern in der zum Betrieb gehörenden „Meisterwerkstatt“.

Mein Gepäckträger ist jetzt unlösbar mit Sicherheitsschrauben mit dem Rest des Vehikels verbunden. Dank Assistenz eines qualifizierten Mitarbeiters, der gerade Pause von der Pause machte, konnte ich diese auch mittels eines chirurgischen Eingriffs (ein alter Fahrradkorb war im Wege, aber durch ein Schloss untrennbar mit dem Gepäckträger verbunden, was die Operation unnötig verkomplizierte), sofort anbringen. Ich zahlte drei Euro für die Schrauben, die nun sicherlich das Wertvollste an meinem Fahrrad sind, spendete zwei Euro für die Kaffeekasse und kaufte bei dieser Gelegenheit auch gleiche eine Fahrrad-Vodoo-Puppe. Bei dieser steche ich nun täglich in die Reifen und lockere alle sicherheitsrelevanten Schrauben – auf dass es dem Schraubendieb bei seinen Fahrradfahrten künftig schlecht ergehe. Irgendwann möge er für seine Tat auf ewig in der Fahrrad-Selbsthilfe-Werkstatts-Hölle schmoren.

Klappradfahrer, das unbekannte Wesen

Klapprad
Illustration: lady-kinkling

Nie zuvor machte ich mir Gedanken über das Wesen des Klappradfahrers. Bei allen anderen Fahrradtypen stellt sich diese Frage nicht, denn die Antworten erscheinen eindeutiger: Windschnittige Modelle ohne Schutzblech und mit breiten Reifen fahren Fahrradkuriere, gemütliche Citybikes mit Korb fahren Menschen wie mein früherer Geschichtslehrer, der zwar den Führerschein der Klasse III auch im dritten Anlauf nicht bestanden hat, aber dafür schon früh ein entschlossener Kämpfer für die Verbreitung von Fahrradhelmen war. Leider sah er mit seiner Eierschale auf dem Kopf so dümmlich aus, dass er entgegen aller Vernunft und Zunahme von überdimensionierten Geländewagen in Großstädten noch immer einer der Hauptgründe dafür ist, weshalb ich auf einen derartigen Kopfschutz verzichte. Gepimpte Cruiser fährt der Nachwuchs der Mitglieder von Motorradgangs, Liegefahrräder fahren Althippies, die sich einen lang gehegten Fortbewegungstraum erfüllen wollen und sich noch zu jung für einen Rollstuhl fühlen. Ein Fahrrad mit Hilfsmotor fährt meine Oma und Kardioräder fahren Fitnessfanatiker, die das Wort Trimm-dich-Fahrrad nie in den Mund nähmen, aber trotzdem nicht von der Stelle kommen.

Doch was für ein Typ Mensch ist der Klappradfahrer? Bis gestern noch habe ich gedacht, er sei ein schizophrener Spießer: Einerseits spart er sich den kleinsten Fußweg bis zur nächsten Regionalbahnhaltestelle und achtet vor dem Losfahren peinlich genau auf die Anbringung von Fahrradklammern, um seine C&A-Hose nicht in Mitleidenschaft zu ziehen. Andererseits schleppt er sich mit seinem Faltdrahtesel halb zu Tode und transpiriert dabei übermäßig in die von ihm ansonsten so behütete Polyacrylhose. Seit heute jedoch weiß ich es besser: Innerhalb von drei Minuten sind mir gleich zwei Menschen auf ihren viel zu zierlichen Velos begegnet. Diese übermäßige Konzentration, die selbst mich als aufmerksamen Beobachter des Zweiradwesens überraschte, nutze ich sogleich für eine kleine Sozialstudie zur Erforschung des unbekannten Wesens.

Der erste trug ein weißes Leinendress, auf dem Kopf eine wilde Lockenpracht und natürlich war er barfuß – ganz sicher war dieser junge Mann ein Resultat der freien Liebe, wie sie seit den späten sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts bevorzugt in Wohngemeinschaften, den sogenannten Kommunen, praktiziert wird, und vermutlich ein Abkömmling Rainer Langhans. Daß er mir mit seinem Vehikel fast über den Fuß fuhr, nahm ich ihm nicht übel; sein Schwanken war sicher nur Ausdruck einer Nebenwirkung der von ihm bereits mit der Muttermilch aufgenommenen bewusstseinserweiternden Substanzen.

Der zweite entsprach optisch dem Ebenbild Reinhold Messners. Sein Bruder konnte es nicht gewesen sein, denn dieser ist einst bei einem tragischen Unfall vom Berg gefallen – aber um einen nahen Verwandten handelte es sich mit Sicherheit. Er war eindeutig am messnerschen Rauschebart zu identifizieren, zudem bewältigte er mit seinem Faltrad die für Hamburger Verhältnisse ungewöhnlich starke Steigung von 3,5 % nahezu mühelos – und das ohne Zuhilfenahme von Nabenschaltung und Sauerstoffgerät.

So schwer es auch fällt, ich muss nach diesen Beobachtungen mein Urteil über den Klappradfahrer als solches revidieren. Der Klappradfahrer ist der Nonkonformist auf zwei Rädern. Er bringt ein Höchstmaß an Individualität auf die Straße. Er ist zwar nicht der Schnellste unter den Radfahrern, aber wie er so auf seinen kleinen Rädern dahingleitet, wohl doch der Lässigste. Berauscht von Muttermilch und Natur gleitet er – fast wie auf Schienen – allen anderen Fahrradfahrern davon. Mit Wohlwollen betrachte ich ab sofort den Eigensinn dieses besonderen Menschenschlages und wünsche ihnen immer eine gute Fahrt – oder, wie man in Fachkreisen sagt: Gut Klapp!