Versuch eines medienkritischen Gedichts

Potter, Simpsons, Dalai Lama
sind die Helden dieser Tage,
Vattenfall und Fahrradfahra*
brachten jüngst das Volk in Rage.

Doch nur ein paar Wochen später,
sind es wieder Volksvertreter,
Sex-Skandale, schwarze Kassen,
die uns nicht in Ruhe lassen.

Neue Helden müssen her:
das Sommerloch droht bald.
Wie wär’s mit einem neuen Bär?
Sein Schicksal ließe niemand kalt.

Ob nun ein Bruno oder Knut
– der Auflage tut’s gut.
Der Bär als Sau durch’s Dorf getrieben,
die Zeitungsmacher werden’s lieben.

* Anmerkung des Dichters: Die Fahrradfahrer haben sich so blödgedopt, dass ihnen sämtliche für Orthographie zuständige Gehirnzellen abgestorben sind. Das ist in diesem Fall nicht weiter tragisch, so reimt sich das Gedicht wenigstens.

Ein Fall für zwei

Vorspann: Dum-di-dum, Dum-di-dum-di-dum, Dum-di-dum-di-dum, Dum-di-dum, Da-da-da-da-da-dap-da-da-da … (Kameraschwenk auf die Skyline von Frankfurt am Main.)

Prolog: Die Rechtsanwälte kommen und gehen, aber Privatdetektiv Josef Matula (gespielt von Claus Theo Gärtner) trägt immer noch seine alte Wildlederjacke.

Hauptteil: Zuerst wird immer jemand erschossen, ein Tatverdächtiger ist aber zum Glück sofort zur Hand und wird umgehend von der Polizei festgenommen. Ein Angehöriger des Tatverdächtigen wartet bereits bei Sekretärin Helga und trinkt Kaffee, als der Strafverteidiger seine Kanzlei betritt. Der Angehörige bittet den Rechtsanwalt, die Verteidigung zu übernehmen, der Rechtsanwalt zögert zunächst und muss sich das noch einmal genau überlegen. [Variation: Rechtsanwalt kennt den Tatverdächtigen bereits seit vielen Jahren, in diesen Fällen besteht kein Zweifel, dass er die Verteidigung übernimmt.] Matula kommt zufällig vorbei, er ist wieder knapp bei Kasse und benötigt dringend einen neuen Auftrag. Schließlich trägt er bereits seit über zwanzig Jahren dieselbe Wildlederjacke und will sich endlich mal eine neue kaufen, außerdem muss er wieder seine Miete bezahlen. Der Rechtsanwalt zeigt Matula eine Zeitung mit großen Buchstaben, in der bereits ausführlich über die Tat berichtet wird. Matula grinst debil und bestellt in Gedanken schon die neue Lederjacke.

Der Rechtsanwalt trifft den Tatverdächtigen in dessen Zelle und entscheidet nach gründlicher Abwägung aller Fakten, das Mandat zu übernehmen.

Fieberträume

FieberthermometerIm Moment habe ich das Gefühl, für die globale Erwärmung weitestgehend allein verantwortlich zu sein. Nicht die Abgase der Porsche Cayennes der Reichen und Schönen, sondern ausschließlich die unablässige Wärmeabstrahlung meines Leibes scheint unsere Mutter Erde geradewegs in eine verheerende Klimakatastrophe zu treiben. Seit nunmehr drei Tagen hüte ich geplagt von Fieber das Bett und gebe dabei kontinuierlich Wärme an die Atmosphäre ab. Den winzigen Rest meiner noch nicht verdampften Aufmerksamkeit fokussiere ich in Ermangelung vergleichbar anspruchloser Aktivitäten auf die Unterhaltungsform, die heute landläufig als Unterschichtenfernsehen bezeichnet wird.

Barbara Salesch wird auch nicht jünger, denke ich. Täglich zu verhandelnde Vergewaltigungs- und Tötungsdelikte von 14jährigen, die dieser Altersgruppe im wahrsten Sinne des Wortes in Fleisch und Blut übergegangen sind, haben in ihrem Gesicht unvermeidliche Spuren hinterlassen. Weitergeschaltet zu Britts Frühnachmittagstalkshow muss ich feststellen, dass offensichtlich alle anderen Jugendlichen, die gerade nicht als Angeklagte vor der Amtsrichterin stehen, sich mit ihren Sexualpartnern vor laufender Kamera über den Nachweis von Vaterschaften streiten. Im Fließbandtempo verkündigt die blondgefärbte Moderatorin Ergebnisse von genetischen Analysen nach internationalen Standards und scheint hierfür mittlerweile die Kapazitäten eines gesamten Labors für ihre Sendung zu beanspruchen. Die etwas älteren Semester unter den Heranwachsenden lassen entweder mal wieder bei Big Brother die Hosen runter oder zeigen dem interessierten Publikum, wie sie ihre Liebsten mit selbstzusammengerührten und -erhitzten kulinarischen Köstlichkeiten betören, obwohl ihren Körpern auf den ersten Blick anzusehen ist, dass sie sich normalerweise überwiegend von Fastfood ernähren. Die noch Übriggebliebenen lassen währenddessen gerade ihre unlösbar erscheinenden Probleme von einer vertrauensvollen Psychologin an einem Stehtisch klären. Manche lassen auch von Privatsendern ihre Sozialwohnungen renovieren, was dann stets mit rosa- oder lindgrüngestrichenen Wänden endet, oder sie zeigen der Welt, wie sie mit Kind und Kegel in eine solche Behausung umziehen, die dann in der Regel allerdings noch nicht frisch gestrichen ist. Beim Umzug geht mehrheitlich alles glatt. Schließlich gibt es in den Haushalten, die hier vorgeführt werden, kaum Bücher, von denen man zu viele in eine wenig stabile Kiste packen könnte.

Plasmafernseherkamin

Was macht eigentlich Robert Hoyzer heute? Ja, genau der bestechliche Ex-Fußballschiedsrichter. Die meisten Menschen werden ihn vergessen haben, seitdem er nicht mehr die Schlagzeilen der großbuchstabigen Tagespresse beherrscht, sondern in seiner Gefängniszelle dahinvegetiert geduldig auf seine bevorstehende Haftstrafe wartet. Wir jedoch, die unsere Freiheit genießen, und dank des wirtschaftlichen Aufschwungs im Lande unverzüglich, nachdem wir unsere Fabriken, Universitäten und aufstrebenden Web 2.0.-Unternehmen verlassen, in Scharen in die demnächst zigarettenrauchbefreiten Cafés, Kneipen, Restaurants, Gaststätten und Autobahnraststätten stürmen, haben diesem jungen Mann einiges zu verdanken.

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