Myll, 24. August 2012: Fischli/Weiss

Peter Fischli & David Weiss: Findet mich das Glück?

0457. In einem Anfall von präseniler Bettflucht „Findet mich das Glück?“ von Fischli/Weiss gelesen. „Ist meine Dummheit ein warmer Mantel?“ Bekomme immer gute Laune, wenn ich das Buch zur Hand nehme; die perfekte Klolektüre. „Herrscht tiefer Friede in meiner Wohnung, wenn ich nicht da bin?“ Fragen über Fragen, eine amüsanter als die andere. „Wem nützt der Mond?“ Ich kann keine einzige beantworten. Plötzlich stocke ich: „Braucht es mich (noch)?“ – Die Antwort scheint ganz einfach zu sein, wenn man auf dem Klo sitzt.

1452. „Kennen Sie meine Tochter?“, so der freundliche ältere Herr im Café zu mir, nachdem er vermutet, dass ich mitgehört habe, wie er der Bedienung etwas wenig schmeichelhaftes über sie erzählte. „Nein“, so ich. „Na, dann ist ja gut.“ – Nach kurzem Nachdenken komme ich dararuf, dass ich seine Tochter doch kenne. (Er hatte naturgemäß mit allem, was er sagte, recht.)

Abwesenheit – Ein Liebesfilmexperiment

Und im Leben geht’s oft her wie in einem Film von Rohmer,
Und um das alles zu begreifen,
Wird man was man furchtbar haßt, nämlich Cineast,
Zum Kenner dieser fürchterlichen Streifen.

(Tocotronic)

Anstatt den verdammten Text endlich zum Abschluss zu bringen, einfach mal einen Film in die Kamera hineinprokrastinieren und es Filmkunst nennen. Ist er handlungsarm, nenne ich es Experimentalfilm, ist er verwackelt, nenne ich es Dogma 95. Mein Debüt ist naturgemäß ein Liebesfilm, für den es nur einzig möglichen Titel gibt: Abwesenheit.

Hamburger Kunsthalle: Lost Places

Alexandra Ranner, Schlafzimmer 2
Alexandra Ranner, Schlafzimmer II/08, 2009

Hamburger Kunsthalle, Galerie der Gegenwart. Zwei Etagen „Alice im Wunderland“: Tate Liverpool bringt die perfekte Langeweile in die Hansesestadt, Kaninchen und Dalí, man kent das alles. Interessant wird es im Untergeschoss: „Lost Places“, „20 Positionen zeitgenössischer Photographie und Videokunst“, wie der Katalog verlautbart. Immer wunderbar zu sehen: die Fotografien von Joel Sternfeld, aber auch die Videoinstallation „Nostalgia“ von Omer Fast, der die Geschichte illegaler Auswanderer aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Etwas lieblos hineinkuratiert wird die Düsseldorfer Schule: die Bechers, Gursky, Ruff etc., man braucht ein paar große Namen für die Plakate an den Bahnhöfen, damit die Besucher ins Museum strömen usw.

All das wäre gar nicht nötig, denn eigentlich bräuchte es in diesem Kubus nur die eine Installation von Alexandra Ranner, die mich gleich zwei Mal innerhalb von einer Woche das Museum aufsuchen ließ:

„Schlafzimmer II/08“, 2009 – die perfekte Illusion. Von innen tönt lautstark ein Alarmsignal, ich zögere, den von außen weiß gestrichenen Raum zu betreten. Innen herrscht schummriges Licht. Im Raum: auf der einen Seite ein Schlafzimmer – Bett, Fenster und Fernseher, kein Ton. Auf der anderen Seite stehe ich und zwei weitere Besucher. Zwischen Schlafzimmer und Besuchern: Ein Spiegel, der einer sein könnte, Atmosphäre. Nichts passiert, Ratlosigkeit. Der Spiegel ist Nichts, ist Illusion. Kein Kunsthistoriker, der sich berufen fühlt, kann das, was in diesem Raum ist, und gleichzeitig nicht ist, beschreiben. Man kann es nicht sehen, man muss es erleben. Zaghaft bewege ich meine Hand dorthin, wo ich den Spiegel vermute, ein lautstarkes Warnsignal ertönt, ich schrecke zurück. Eine Dame vom Aufsichtspersonal ermutigt mich, durch den nicht vorhandenen Spiegel in das Schlafzimmer zu treten, das Warnsignal wird noch deutlicher. Ich bin drin; das Bett, die Decke, beide sind aus Gips. Es ist dunkel, es ist laut. Enervierend tönt das Alarmsignal. Auf der einen Seite des Raumes bin ich, auf der anderen Seite befinden sich die anderen Besucher – wir spiegeln einander nicht. Es ist bedrückend und faszinierend zugleich.

Eine Woche später suche ich das Schlafzimmer erneut auf, wieder bin ich mit zwei anderen Besuchern auf der sicheren, lautlosen Seite des Raumes. Wir warten, ich beobachte die anderen, nichts passiert. Dieses Mal habe ich noch mehr Freude daran, die Wirkung des Raumes auf die anderen zu beobachten. Die Ratlosigkeit in ihren Gesichtern war die Größte. Dann fasse ich Mut und gehe durch den nicht vorhandenen Spiegel. Plötzlich kommt eine andere Museumswärterin herein und herrscht mich an, nicht „hineinzuspringen“. Ich weiß nicht, ob sie die andere Seite des Raumes oder das Bett aus Gips meint, die Situation ist nun noch beklemmender. Ich verlasse die Installation ratlos. Ist sie begehbar oder bin ich ein Vandale? Möglicherweise werde ich es nie erfahren.

Verlag

für G.P.

Sie sagt, ich schriebe auch nicht schlechter als die designierte Debütantin mit dem mangelhaften Sprachgefühl, auf deren Manuskript der Lektor gerade wartet. Also mache ich meine Aufwartung bei dem ehemals renommierten Verlag, der seine Immobilie und sein Archiv verscherbelt hat, um in die Hauptstadt zu ziehen, wo jetzt die Geistesmenschen, die zuvor nie auch nur eine Zeile zu Papier gebracht haben, unter der Ägide der das Lebenswerk ihres verstorbenen Mannes zugrunde richtenden Verlegerwitwe literarische Wunder wirken sollen. Ich komme nicht weiter als bis zum Pförtner. Ihm sage ich, dass sie, und genau so pflegte sie sich auszudrücken, es nicht länger mit ansehen könne, wie ich mein Talent mit Füßen trete, und ich daher beabsichtige, in diesem Verlag umgehend meinen ersten Roman zu veröffentlichen etc.

Der Pförtner, welchem derartige Auftritte nicht fremd zu sein scheinen, bittet routiniert um mein Manuskript. Ich gestehe ihm, dass naturgemäß auch ich bislang nichts als prosaische Fingerübungen, also reines Stückwerk zu Wege gebracht habe; dass dies aber kein Hindernis für ein fulminantes Romandebüt sein solle. Ganz im Vertrauen winke ich seinen Kopf ganz nah zu dem meinen heran und flüstere ihm ins Ohr: „Manchmal, wenn es regnet, stehe ich nackt auf dem Balkon und lese laut aus dem Werk von Rainald Goetz.“ (Hätte ich einen nur halbwegs passablen Agenten, ließe die Verlegerwitwe ohne zu zögern den Vertrag ausfertigen.)

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