Malte Welding: Männer und Frauen passen nicht zusammen – auch nicht in der Mitte

“Liebe ist das, was übrig bleibt, wenn Sie alles,
was Sie für Geld kaufen können, aus einer Beziehung
abziehen; den Sex, die Massagen, das Kochen, all die
kleinen Dienstleistungen des Alltags, für die es auch
aushäusige Experten gäbe. Liebe ist die letzte große
Anarchistin, Liebe ist das letzte große Abenteuer.”

(Malte Welding)

„Soll ich es als Geschenk einpacken?“, fragt mich der Buchhändler. „Nein, danke. Das ist für mich.“ Während ich mit meinem neuen Buch von dannen ziehe, kann ich seinen etwas mitleidsvollen Blick spüren, den er mir hinterherwirft.

Dieser ist völlig unnötig, denn ganz anders als es der etwas reißerische Titel vermuten lässt, handelt es sich bei „Männer und Frauen passen nicht zusammen – auch nicht in der Mitte“ um kein weiteres dümmliches Sachbuch, das uns weismachen will, warum Frauen schlecht zuhören und Männer nicht einparken können. Autor Malte Welding hat offenbar nicht nur alle amerikanischen Filme und Serien gesehen, sondern ist auch sonst ein hervorragender Beobachter: Anschaulich beschreibt er in seinem Buch die zwischenmenschlichen und -tierlichen Verhaltensweisen in seinem engeren Umfeld.

Gleich zu Beginn eine Geschichte, die Hoffnung macht: Was für die Populärpsychologie Paul Watzlawicks allseits bekannte „Geschichte mit dem Hammer“ aus der „Anleitung zum Unglücklichsein“ ist, könnte für die Liebe die Karnickel-Geschichte werden. Hier findet ein scheinbar zur ewigen Einsamkeit verdammtes Kaninchen sein spätes unerwartetes Liebesglück – und das auch noch mit einer Partnerin, die weder auf den ersten noch auf den zweiten oder dritten Blick zum ihm zu passen scheint. Wenn im Zuge einer weiteren Individualisierung der Gesellschaft längst niemand mehr das Bild von zueinander passenden Töpfen und Deckeln bemühen wird, werden wir zu unseren hoffnungslosen Single-Freunden einfach sagen „denk an das Karnickel“ – und alle werden wissen, was gemeint ist.

Aber auch die Menschen haben es auf ihrem Weg zum Glück nicht immer leicht: vom karriereorientierten Unternehmensberater über die erfolglose Schauspielerin bis hin zum schwulen Nerd haben in Sachen Liebe alle ihr Päckchen zu tragen. Alle Anschauungssubjekte sind entweder kompliziert, können sich nicht zwischen zu vielen Optionen entscheiden, sind asexuel, wollen nicht erwachsen werden, streben nach Perfektion, haben Bindungsangst oder ganz andere Macken oder alles auf einmal.

Uns allen hält der Autor damit in irgendeiner Form den Spiegel vor. Das tut er äußerst unterhaltsam und oft mit spitzer Feder, aber trotzdem frei von Zynismus. Zwischendurch treffen immer wieder wissenschaftliche Erkenntnisse auf gesunden Menschenverstand und kluge Zitate sowie amüsante Checklisten zur kritischen Selbsteinschätzung. Auch der Untertitel „Warum die Liebe trotzdem glücklich macht“ fällt dabei nicht unter den Tisch.

Dieses Buch möchten wir gern unserer Lieblings-Ex-Freundin anonym in den Briefkasten legen, um es gleich danach noch einmal für uns selbst zu kaufen.

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In Malte Weldings Blog finden sich einige Auszüge und Hörproben aus dem Buch.

Dem Geheimnis des Lebens auf der Spur

Im zweiten Stock des Treppenhauses existiert seit einiger Zeit eine Tauchbörse für Bücher. Kürzlich war hier ein ringgeheftetes Druckerzeugnis zu finden: „Die 7 Schritte um sicheren Umgang mit der Einhandrute – Seminar- und Arbeitsunterlage“. Zu meinem Erstaunen hat sich nach nur wenigen Tagen ein Interessent hierfür gefunden. Nachdem auch ich mehrfach zaghaft danach geschaut hatte, freute ich mich jedoch für den Mitnehmer: Gut gemacht, da hast du 15,- Euro Schutzgebühr gespart, dachte ich mir. Nach ein paar Tagen jedoch wurde die Anleitung anderer Stelle im Treppenhaus wieder ausgesetzt. Also machte auch ich mich ran, 15 Euro zu sparen und griff entschlossen zu. Mehrere Wochen sind seitdem vergangen und ich schleppe dieses Heftchen seitdem stets mit mir herum, ohne je einmal hineingeschaut zu haben.

Das sollte heute anders werden: schließlich möchte ich nicht von dieser Erde gehen, ohne die Gelegenheit genutzt zu haben, mich über die Funktionsweise eines Rayometers zu informieren. Seitdem bin ich „dem Geheimnis des Lebens und der Steuerung des menschlichen Körpers durch die höhere Radiästhesie auf der Spur“. Ein durchaus spannender Weg, wie ich finde. Aber nicht ganz einfach zu verstehen, denn „die Resonanzdiagnostik nach Paul Schmidt basiert auf der Applikation von definierten Interferenzen feinstofflich-energetischer Wellen zur Prüfung der körpereigenen Regulationsmechanismen“. Klar, dachte ich mir, Chakren sind ein hervorragendes Erklärungsmodell, aber macht es den wirklich einen so großen Unterschied, ob man die Rute nun vertikal oder drehend bewegt? Ist das nicht viel mehr wie beim Joghurt – egal, ob links- oder rechtsdrehend? Scheint es nicht zu sein, denn „schließlich hat alles seine Zwei Seiten: hell/dunkel, Freude/Leid, Yin/Yang“. Wichtig ist natürlich auch, eine „positive Frequenz in die Spenderhand zu geben“, dann klappt es auch mit der Harmonisierung.

Ein bißchen bedaure ich jetzt, dass ich gerade nicht so ein Ding zu Hand habe, sonst könnte ich ganz leicht den Elektrosmog in meinem Schlafzimmer abstellen. Aber vielleicht bestelle ich mir demnächst so eine praktische Einhandrute bei der Firma Rayonex. Bis dahin muss ich mich damit begnügen, des Nachts den WLAN-Repeater neben dem Bett auszuschalten.

Buchmesse

Einmal noch und dann kein Wort mehr über Bücher. Vorerst. Alles, was zwischen zwei Buchdeckel passt, findet sich auf dem Frankfurter Messegelände: Verlage, Agenten, Großhändler, Kleinhändler – alles dreht sich um das Geschäft. Samstag ist die Messe für das Publikum geöffnet, das aber eher stört, weil es die engen Gänge zwischen den Ständen verstopft, nach Werbekugelschreibern verlangt und am Ende der Rolltreppen grundsätzlich stehenbleibt.

Am Stand unseres Verlages steht eine prall gefüllte Großverpackung zur Verkaufsförderung mit unserem Buch. Noch nie habe ich gesehen, wie jemand darauf reagiert und schleiche ein wenig herum, um zu spüren, wie es sich anfühlt, wenn ein fremder Mensch das eigene Buch in der Hand hält, um in einem Interview später einmal die stets danach gestellte Frage korrekt beantworten zu können. Kurze Zeit später kommt ein älterer Herr, greift nach dem Buch, blättert darin, schüttelt seinen Kopf und legt es wieder zurück. So ist das also, wenn jemand das eigene Buch in der Hand hält, denke ich und hoffe, dass ich in einem Interview nie danach gefragt werde.

Dann lesen wir ein bißchen vor und sind froh, dass so viele Menschen gekommen sind, um uns zuzuhören, obwohl wir weder Nobelpreisträger noch Busenwunder sind oder in einem skandalumwitterten Sachbuch den Untergang des Abendlandes proklamiert haben. Wir belohnen uns mit einem miesen Messeschnitzel für 20 Euro und geben dem Literaturcafé ein Interview, in dem wir nicht danach gefragt werden, wie es sich anfühlt, wenn man jemanden betrachtet, der in dem eigenen Buch liest.

Wer sich für Bücher interessiert, sollte besser in die Buchhandlung seines Vertrauens gehen, und zwischen all den überdimensionierten Werbetragetaschen mit Verlagsborschüren, die schon morgen im Altpapier landen werden, entdecke ich im Augenwinkel doch noch eine interessante Neuerscheinung: „Vorstellung meiner Hände“, Gedichte aus dem Frühwerk Rolf Dieter Brinkmanns.

Noch einmal zurückgekehrt an den Stand unseres Verlages, bemerke ich, dass das Buch gut läuft: Nur noch ein Exemplar ist vorhanden, obwohl kein Verkauf stattfindet. Schwund. Auf Buchmessen soll die Diebstahlquote ein Indikator für den Erfolg eines Titels sein, sagen Branchenkenner.

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Nachtrag: Hier kann man unser Interview mit dem Literaturcafé auch anhören:

 

Hier klicken zum Herunterladen (13 Min. – 6 MB).

Eine kleine Buchkritik

Die 300 Seiten sind schnell gelesen – in einem Rutsch. Sie wirken auch etwas zügig dahingeschrieben, was dem Werk vermutlich nicht gerecht wird. Der Schreiber ist ein guter Erzähler, aber der große Roman ist womöglich nicht seine Form. Die Worte mussten trotzdem raus. Diverse Nebenhandlungsstränge sind etwas zu ausführlich geraten, manche der handelnden Personen bleiben etwas blass.

Viel Stoff zum Nachdenken gibt das Buch dem Leser nicht, wenngleich ihm auch eine gewisse Unterhaltsamkeit nicht abzusprechen ist. Immerhin. Das alles ist kein Grund, auf dem Autoren herumzuhacken – und immer noch besser als vier Stunden Privatfernsehen. Kurzweilige Unterhaltung ist schließlich kein Makel, sondern ein Genre.

(Möglicherweise fände das Druckerzeugnis nach der ersten Lektüre rasch seinen Weg ins Antiquariat, wenn es nicht das Geschenk einer mir sehr nahestehenden Person gewesen wäre. Nun wird es in Würde in meinem Regal verstauben.)