Wenn du zur Arbeit gehst
am frühen Morgen,
wenn du am Bahnhof stehst
mit deinen Sorgen:
da zeigt die Stadt
dir asphaltglatt
im Menschentrichter
Millionen Gesichter:
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider –
Was war das? vielleicht dein Lebensglück…
vorbei, verweht, nie wieder.
Du gehst dein Leben lang
auf tausend Straßen;
du siehst auf deinem Gang, die
dich vergaßen.
Ein Auge winkt,
die Seele klingt;
du hast’s gefunden,
nur für Sekunden…
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider –
Was war das? Kein Mensch dreht die Zeit zurück…
Vorbei, verweht, nie wieder.
Du mußt auf deinem Gang
durch Städte wandern;
siehst einen Pulsschlag lang
den fremden Andern.
Es kann ein Feind sein,
es kann ein Freund sein,
es kann im Kampfe dein
Genosse sein.
Er sieht hinüber
und zieht vorüber …
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider –
Was war das?
Von der großen Menschheit ein Stück!
Vorbei, verweht, nie wieder.
Einmal noch und dann kein Wort mehr über Bücher. Vorerst. Alles, was zwischen zwei Buchdeckel passt, findet sich auf dem Frankfurter Messegelände: Verlage, Agenten, Großhändler, Kleinhändler – alles dreht sich um das Geschäft. Samstag ist die Messe für das Publikum geöffnet, das aber eher stört, weil es die engen Gänge zwischen den Ständen verstopft, nach Werbekugelschreibern verlangt und am Ende der Rolltreppen grundsätzlich stehenbleibt.
Am Stand unseres Verlages steht eine prall gefüllte Großverpackung zur Verkaufsförderung mit unserem Buch. Noch nie habe ich gesehen, wie jemand darauf reagiert und schleiche ein wenig herum, um zu spüren, wie es sich anfühlt, wenn ein fremder Mensch das eigene Buch in der Hand hält, um in einem Interview später einmal die stets danach gestellte Frage korrekt beantworten zu können. Kurze Zeit später kommt ein älterer Herr, greift nach dem Buch, blättert darin, schüttelt seinen Kopf und legt es wieder zurück. So ist das also, wenn jemand das eigene Buch in der Hand hält, denke ich und hoffe, dass ich in einem Interview nie danach gefragt werde.
Dann lesen wir ein bißchen vor und sind froh, dass so viele Menschen gekommen sind, um uns zuzuhören, obwohl wir weder Nobelpreisträger noch Busenwunder sind oder in einem skandalumwitterten Sachbuch den Untergang des Abendlandes proklamiert haben. Wir belohnen uns mit einem miesen Messeschnitzel für 20 Euro und geben dem Literaturcafé ein Interview, in dem wir nicht danach gefragt werden, wie es sich anfühlt, wenn man jemanden betrachtet, der in dem eigenen Buch liest.
Wer sich für Bücher interessiert, sollte besser in die Buchhandlung seines Vertrauens gehen, und zwischen all den überdimensionierten Werbetragetaschen mit Verlagsborschüren, die schon morgen im Altpapier landen werden, entdecke ich im Augenwinkel doch noch eine interessante Neuerscheinung: „Vorstellung meiner Hände“, Gedichte aus dem Frühwerk Rolf Dieter Brinkmanns.
Noch einmal zurückgekehrt an den Stand unseres Verlages, bemerke ich, dass das Buch gut läuft: Nur noch ein Exemplar ist vorhanden, obwohl kein Verkauf stattfindet. Schwund. Auf Buchmessen soll die Diebstahlquote ein Indikator für den Erfolg eines Titels sein, sagen Branchenkenner.
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Nachtrag: Hier kann man unser Interview mit dem Literaturcafé auch anhören:
Die 300 Seiten sind schnell gelesen – in einem Rutsch. Sie wirken auch etwas zügig dahingeschrieben, was dem Werk vermutlich nicht gerecht wird. Der Schreiber ist ein guter Erzähler, aber der große Roman ist womöglich nicht seine Form. Die Worte mussten trotzdem raus. Diverse Nebenhandlungsstränge sind etwas zu ausführlich geraten, manche der handelnden Personen bleiben etwas blass.
Viel Stoff zum Nachdenken gibt das Buch dem Leser nicht, wenngleich ihm auch eine gewisse Unterhaltsamkeit nicht abzusprechen ist. Immerhin. Das alles ist kein Grund, auf dem Autoren herumzuhacken – und immer noch besser als vier Stunden Privatfernsehen. Kurzweilige Unterhaltung ist schließlich kein Makel, sondern ein Genre.
(Möglicherweise fände das Druckerzeugnis nach der ersten Lektüre rasch seinen Weg ins Antiquariat, wenn es nicht das Geschenk einer mir sehr nahestehenden Person gewesen wäre. Nun wird es in Würde in meinem Regal verstauben.)